Dr. Hans-Rainer Sandvoß und Dr. Günther Wehner diskutieren Probleme und Ergebnisse der Forschungen zum Widerstandskampf der Berliner Arbeiter gegen den Faschismus.


Unter dem Titel "Berlin bleibt Rot" hatte am 8. April 2008 die Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung e.V. zu einer Diskussionsveranstaltung in das Berliner Haus der Demokratie und Menschenrechte geladen. Die Podiumsdiskussion fand reges Zuhörerinteresse. Der Robert-Havemann-Saal war überfüllt. Auf dem Podium hatten mit Hans-Rainer Sandvoß und Günther Wehner zwei ausgewiesene Experten zum Berliner Widerstand gegen den Faschismus Platz genommen. Günther Wehner ist u.a. maßgeblich an dem mehrbändigen Lexikon zum Berliner Widerstand beteiligt. Hans-Rainer Sandvoß ist stellvertretender Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in der Berliner Stauffenbergstraße. Er hat den Widerstand in Berliner Stadtbezirken erforscht und publiziert und die umfangreiche Reihe über den Widerstand in den Berliner Bezirken herausgegeben. Im vorigen Jahr sorgte er mit seinem Buch Die "andere" Reichshauptstadt: Widerstand aus der Arbeiterbewegung in Berlin 1933-1945, Berlin 2007 weit über den Expertenkreis hinaus für Aufsehen. Darin faßte er nicht nur seine Forschungen über den Arbeiterwiderstand zusammen, sondern unternahm auch den Versuch einer Quantifizierung des Widerstands in Berlin. Die Ergebnisse widerlegen die zahlreichen, von mächtigen, einflußreichen Medien begierig aufgenommenen Legenden über den "Volksstaat" Hitlers nach denen man die Nazi-Herrschaft als eine Konsens- und Gefälligkeitsdiktatur definieren könne, weil 95-99 Prozent der Deutschen bis in die Schlußphase das Nazi-Regime gestützt hätten und weil die Mehrheit des deutschen Volkes von der Nazi-Herrschaft und deren Verbrechen profitiert hätte. Die einfachen Deutschen, so ein Kernsatz jener Legenden, seien im Konzept der NSDAP und in der Praxis die eigentlichen Nutznießer der faschistischen Diktatur gewesen.
Hans-Rainer Sandvoß stützte sich in seinem auch rhetorisch brillanten Einführungsvortrag auf die Grundaussagen seines Buches. Die Ausführungen werden nachfolgend thesenhaft wiedergegeben:

1) Auch über 60 Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur und der Beendigung des Zweiten Weltkrieges ist die Debatte darüber nicht verstummt - weil noch immer nicht wissenschaftlich beantwortet -, wie stark der Nationalsozialismus in der deutschen Bevölkerung verankert war und wie breit dort seine politischen Ziele und die damit einhergehenden Verbrechen (politische Unterdrückung, Rassismus, Raub, Massenmord und Krieg) mitgetragen, verinnerlicht und bis zuletzt verfolgt wurden.

Im Laufe des letzten Jahrzehnts waren es vor allem zwei sehr erfolgreiche Autoren, beide Wissenschaftler, der eine aus den USA, der andere aus Deutschland, die mit ihren prononcierten und provozierenden Aussagen für Aufsehen in den Medien und Diskussion (weit über die Fachwelt hinaus) sorgten:

    Daniel Goldhagen "Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust" (1996)
    Götz Aly, "Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus" (2005)


Zeichnet Goldhagen das (Zerr-)Bild eines tief verwurzelten und sehr weit verbreiteten (eliminatorischen) Antisemitismus - bereits in der Weimarer Republik und über das protestantisch-bürgerliche Milieu hinaus -, behauptet Aly, die übergroße Mehrheit der Deutschen (95 unbewiesene Prozent) sei nicht aus ideologischer Überzeugung, sondern in erster Linie aus purer materieller Gier der Bereicherung (an Juden, Zwangsarbeitern und der Ausbeutung eroberter bzw. versklavter Länder) dem Regime gefolgt. Aly wagt sogar die These, wirklich benachteiligt worden wäre nicht etwa die Arbeiterschaft, sondern Haus- und Aktienbesitzer. (Die Unterdrückung der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung, die Verfolgung und Haft Tausender allein in Berlin scheint keine Erwähnung wert bei der Beschreibung des "Sozialismus".).
So unterschiedlich beide Autoren die Motive der übergroßen Mehrheit beurteilen, dem NS zu folgen, einig sind sich Goldhagen und Aly darin, dass 95 oder gar 99% der Deutschen nationalen auf Seiten des Hitler-Regimes standen und dieses unterstützten. Beide Wissenschaftler stützen sich - mehr oder weniger explizit - auf die unbestreitbare Tatsache, dass die juristisch belangten bzw. politisch Inhaftierten maximal 1% der Bevölkerung ausmachten.
Man könnte daraus den Schluss ziehen, dass das von der NS-Propaganda aufdringlich und laut verkündete Programm

    "Ein Volk - Ein Reich - Ein Führer"

sich mit den von Goldhagen und Aly vorgelegten Analysen unfreiwillig deckt. Hatte nicht einst der Publizist Joachim Fest in seinem drei Jahrzehnte zurückliegenden Film "Hitler - eine Karriere" nach Hinweisen auf Flucht und Vertreibung der kritischen Intellektuellen im Jahre 1933 die kommentierenden Worte geäußert: "Nun waren die Deutschen unter sich" und damit ein sehr einseitiges Bild gezeichnet? (Wo blieben bei ihm christliche und liberale NS-Gegner, wo blieben die Juden und wo die gesamte politische Linke?)
Und in der Tat hat die kritische wissenschaftliche Forschung keine Belege für die - etwa vom ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Dr. Konrad Adenauer, vertretene - These gefunden, die Mehrheit der Deutschen habe den Nationalsozialismus und seine Verbrechen eindeutig abgelehnt. Nein, es steht für die seriöse Forschung fest, es gab keine deutsche "Volksopposition"; der entschlossene politische Widerstand - der Risiken für Leib und Leben auf sich nahm - war lediglich das Ansinnen und die Tat einer kleinen Minderheit. Das belegen auch die von mir für die Veröffentlichung "Die andere Reichshauptstadt. Widerstand aus der Arbeiterbewegung in Berlin von 1933 bis 1945" systematisch ausgewerteten Volksgerichtshof- und Kammergerichtsverfahren.

Doch sind damit tatsächlich alle Fragen nach der politischen Verankerung des NS in der Bevölkerung beantwortet? Ich denke nein, auch wenn uns jüngere Autoren - etwa Kellerhoffs "Hitlers Berlin" - dies einreden wollen. Denn der Hinweis auf die Minoritätenrolle des Widerstandes - so er überhaupt erforscht ist! - belegt nicht zwangsläufig, dass alle übrigen Deutschen (bzw. Berliner) überzeugte NS-Anhänger waren.
Dass der Wahlkreis Berlin (d. h. die Innenstadt) im März 1933 mit 31,3% nach Köln-Aachen (mit 30,1%) das für die NSDAP zweitschlechteste Ergebnis im Land bedeutete - besonders, wenn man dieses Votum mit den 56,5% bis 56,3% in Ostpreußen bzw. Pommern vergleicht - darf noch einmal in Erinnerung gerufen werden. Noch im August 1934 stimmten in Berlin bei einer sog. Volksabstimmung, die gewiss nicht frei war, 494.359 Berliner mit nein, 75.000 Voten waren ungültig. Alte Arbeiterbezirke wie Wedding oder Prenzlauer Berg wiesen jeweils über 40.000 Negativstimmen auf. (Offiziell sprach das Regime von 81,2% Gesamtzustimmung in Berlin.)
Zudem gibt es mehrere zeitgenössische Quellen, etwa die Tagebuchaufzeichnungen Victor Klemperers über eine Autofahrt nach und durch Berlin, die der Verfolgte (im Mai 1937) als "Ermutigung" empfand, oder Berichte ausländischer Journalisten oder Botschaftsmitarbeiter, die deutliche Zeichen der Ablehnung des NS-Regimes in der Reichshauptstadt registrierten. Und selbst die Gestapo beklagte intern im März 1936 "Man kann sich tagelang in Berlin aufhalten, ohne den deutschen Gruß zu hören, es sei denn von Beamten im Amte oder in Uniform oder von Leuten aus der Provinz."
Ein Jahr später (April 1937) charakterisiert der Reichsführer SS Berlin - neben anderen früheren Zentren der Arbeiterbewegung - als einen von fünf "ständigen Unruheherden" im Lande.
Ganz offensichtlich waren die NS-Bewegung und ihre Anhänger zumindest in Berlin doch nicht "unter sich". Und unzweideutig schlug ihr dort vor allem aus der Arbeiterschaft über Jahre die Ablehnung einer starken Minderheit (von örtlich 30 bis 40%) entgegen, wie wiederholt die (schließlich 1937 abgesagten) "Vertrauensräte"-Wahlen bzw. die NSBO-Niederlagen belegen.

Trotzdem: Auch bei der Beschäftigung mit der Frage des Widerstandes gegen die NS-Diktatur haben wir es mit der Gefahr von Ideologien, Legenden und Vorurteilen zu tun, die es zu entzaubern gilt.
Dies trifft nicht nur auf jene Autoren zu, die - ob aus Unkenntnis oder gezielter Absicht - den tatsächlichen Umfang, das frühe Einsetzen und die Dauerhaftigkeit des Widerstands aus der Arbeiterschaft kleinreden, um vom (fast) totalen Versagen des deutschen Bürgertums abzulenken. Positive linke Traditionen soll es nicht gegeben haben, sondern nur ein völliges und gleichmäßiges Versagen aller Schichten und Klassen. Andererseits besteht zur Verklärung einzelner Zweige der Arbeiterbewegung (etwa der KPD) oder gar zur Verallgemeinerung des Wirkens von lokalen Arbeitergruppen kein Grund.

Doch sollte dem aktuellen Vergessen entgegen gewirkt werden: Dem in den 60er und 70er Jahren starken Interesse am "Widerstand von unten" sowie an dem des intellektuellen Exils stand in den 80ern und nach der sogenannten politischen "Wende" nichts Vergleichbares gegenüber, obwohl sich der unabhängigen wissenschaftlichen Forschung (und damit auch den Kollegen, die in der DDR mit der SED-Zensur zu kämpfen hatten) schier unschätzbare Quellen, darunter aus dem historischen Archiv des früheren MfS, auftaten.

Die auf die historischen Ereignisse in Berlin zwischen 1933 und 1945 bezogene Aktenauswertung half, mehrere interessante Fakten und Erkenntnisse ans Licht zu bringen:
* Angesichts Tausender verfolgter Arbeiterfunktionäre, einiger Zehntausend, die sich verweigerten, sowie eines durchgehenden, aber unterschiedlich intensiven Widerstandes aus der Arbeiterschaft, der keineswegs 1935 seinen Höhepunkt überschritten hatte, um danach bis zur Unkenntlichkeit zu versickern, kann die Charakteristik der NS-Gesellschaft als Konsens- bzw. "Gefälligkeitsdiktatur" zumindest für Berlin als widerlegt gelten. (In dieses Bild passt auch nicht die Erkenntnis von Wissenschaftlerinnen des Projekts "Stille Helden" der GDW, wonach in Berlin über 30.000 Frauen und Männer an der Hilfe für "untergetauchte" Juden beteiligt waren, wodurch über 1.200 Verfolgte überleben konnten.)
* Sowohl Hunderte befragter Zeitzeugen, als auch zeitgenössische historische Quellen (Berichte von SoPaDe oder Neu Beginnen) bezweifeln die Aussage einer totalen Faschisierung der Arbeiterschaft. Andererseits ließen Bespitzelung und Denunziation im (betrieblichen) Alltag und die Androhung drakonischer Strafen selbst bei kleinen Delikten viele NS-Gegner davor zurückschrecken, sich dem aktiven Widerstand anzuschließen. Doch nicht zuletzt Aussagen früherer jüdischer und osteuropäischer Zwangsarbeiter geben zahlreiche Hinweise darauf, dass diesen Verfolgten vor allem aus den Reihen der vormals organisierten, politisch und gewerkschaftlich geschulten Facharbeiterschaft (also älteren Vorarbeitern und Meistern) humanitäres und solidarisches Verhalten entgegenschlug.
Jüngere sowie die vor 1933 nicht organisierten Arbeiterkreise, die keine Prägung durch freiheitliche und internationalistische Werte erfahren hatten, zeigten dagegen eine größere Anfälligkeit für die NS-Ideologie und waren besonders zwischen 1940 und 1943 (Wendepunkt: Stalingrad) von Hitlers "Blitzsiegen" begeistert.
Dem vor allem von Apologeten des bürgerlich-militärischen Widerstandes ins Feld geführten Argument des totalen "Scheiterns" des Arbeiterwiderstandes kann u. a. Folgendes entgegengehalten werden:

    + Auch die mutige Selbstbehauptung der autonomen Persönlichkeit in einer diktatorisch manipulierten, nihilistischen Gesellschaft nötigt Respekt ab und kann als vorbildlich gelten.

    + Ideologische Gegnerschaft, so sie den Kontakt (etwa durch Gespräche am Arbeitsplatz) zu anderen suchte, wirkte in der Tendenz als "Zersetzung der Wehrkraft", zumal wenn sie in der Konsequenz zur Sabotage der Rüstungswirtschaft fortschritt.

    + Humanitäre Hilfe für Zwangsarbeiter oder "Untergetauchte" half, Menschenleben zu retten.

    + Die Bewahrung von geeigneten Kadern der Gewerkschaftsbewegung etwa durch gezielte u.k.-Stellung - diente dem Aufbau einer solidarischen und an den Freiheits- und Menschenrechten orientierten Ordnung.

    + Gerade der früh einsetzende Widerstand aus der Arbeiterschaft widerlegt die Kollektivschuldthese, und er ist wie kein zweiter Zweig des Widerstandes unbelastet von der anfänglichen Billigung und Mitwirkung bei der Errichtung des "Führerstaates" und der Unterstützung einer nationalistischen Außenpolitik - von der blutigen Verstrickung in die zu Recht aufgedeckten Verbrechen der Wehrmacht ganz zu schweigen!

Abschließend bleibt für die wissenschaftliche Forschung die offene Frage, ob die für Berlin gewonnenen Erkenntnisse generalisiert werden können, oder eine absolute Ausnahme darstellten ("Berlin - ce n’est pas l’Allemagne", sagen die Franzosen). Manches deutet darauf hin, dass die Wahrheit dazwischen liegt und Berlin - neben Hamburg, Düsseldorf, Sachsen und der Industrieregion um Halle - "nur" eines von fünf "ständigen Unruheherden" darstellte, die führende Nationalsozialisten 1937 beklagten.
Wer meint, in Sachen Widerstand gegen den NS sei alles längst erforscht, irrt meines Erachtens.

Im Anschluß an den mit viel Beifall aufgenommenen Vortrag legte Dr. Günther Wehner neue Dokumente und Forschungsergebnisse über den kommunistischen Widerstand in Berlin vor. Auch sein hochinteressanter Vortrag sei nachfolgend thesenhaft widergegeben.

Berlin als Reichshauptstadt widerspiegelt als Machtzentrum des NS-Regimes den absoluten Gegensatz zu den Widerstehenden gegen die braune Barbarei.
Entgegen allen Bemühungen der Herrschenden des faschistischen Regimes in Deutschland gelang es ihnen, die Stimme des roten Berlin auszulöschen. Die Schar der Widerstehenden blieb bezogen auf die Millionen Einwohner der Stadt relativ klein, dennoch war und blieb Berlin ein zentraler Ort des Widerstandes.
Widerstand gegen das NS-Regime leisteten Frauen, Jugendliche und Männer aus allen Schichten der Bevölkerung aus politischer oder religiöser Überzeugung, aus Einsicht über die Unmenschlichkeit des Regimes und aus Zorn sowie Scham über die Verbrechen, die vom deutschen Faschismus begangen wurden. Eine wesentliche Wurzel des Widerstehens gegen die NS-Diktatur von Seiten der Kommunisten und ihrer Anhängerschaft war, dass sie die Gefahr des Faschismus, die von den anderen, bürgerlichen demokratischen Kräften eher unterschätzt, von ihnen frühzeitig erkannt wurde.
Auch die Sozialdemokraten waren sich der drohenden Gefahr einer faschistischen Diktatur auf deutschem Boden bewußt. Ein Beispiel dafür ist die "Preußische Denkschrift von 1930" Herausgegeben und mit einer Einführung von Robert M. W. Kempner mit dem Titel "Der verpasste Nazi-Stopp". Die NSDAP als staats- und republikfeindliche, hochverräterische Verbindung.
Mit exakt recherchierten polizeilichen Fakten, die bereits 1929 erstellt wurden, kam 1930 die 97 Seiten starke Publikation zustande, in der überzeugend der strafbare Charakter der NSDAP einschließlich der strafbare Charakter Hitlers und seiner Mitarbeiter nachgewiesen wurde.
Der Berliner Polizeipräsident Bernhard Weiß, der Regierungsassessor Hans Schoch und der Kriminalkommissar Johannes Stumm gehörten zu den verantwortlichen Verfassern der Schrift. Auf Veranlassung des Staatssekretärs Wilhelm Abegg vom Preußischen Innenminister wurde Robert Kempner, damals noch deutscher Staatsbürger, als Justiziar der Polizeiabteilung im Preußischen Innenministerium zu den Beratungen über die schwierige Rechtslage hinzugezogen. Dadurch konnte er ein persönliches Exemplar der Denkschrift in die Emigration in die USA mitnehmen. Reichskanzler Brüning lehnte trotz Kenntnis der Denkschrift jegliches Vorgehen gegen die Nazis ab.
Diese fatalistische Haltung gegenüber der faschistischen Gefahr resultierte aus dem absoluten Glauben an die Demokratie, die trotz aller Schwierigkeiten in der Weimarer Republik vorhanden war.
Das größte Problem für den Arbeiterwiderstand in Berlin und in Deutschland insgesamt bestand darin, dass die Spaltung der Arbeiterbewegung nicht überwunden wurde.
Einheitsfrontangebote der KPD, aber auch der Berliner SAP und KPD-Opposition wurden vom Parteivorstand der SPD abgelehnt.
So gingen der 30. und 31 Januar 1933 vorbei, ohne dass es zu einer einheitlichen machtvollen Gegenaktion der deutschen Arbeiterbewegung kam. Revolutionarismus auf der einen, Legalismus auf der anderen Seite bewirkten einen Zustand der Selbstblockade und der Lähmung der Arbeiterbewegung, in dem der deutsche Faschismus ohne nennenswerten Widerstand an die Macht geschoben werden konnte.
Dennoch gab es auch an diesen Tagen in mehreren Berliner Stadtbezirken gemeinsame Kampfaktionen von Sozialdemokraten und Kommunisten gegen provozierende SA-Stürme in Berlin-Charlottenburg und an neun weiteren Stellen in der Hauptstadt.
Nach dem anfänglichen Schock vom Februar bis April 1933, in dem die KPD das Gleichgewicht verloren hatte, war es ihr gelungen, in fast allen Stadtbezirken Berlins illegalen Organisationen aufzubauen und über die Stadt hinaus vor allem im Land Brandenburg zerschlagene Strukturen wieder zu reorganisieren.
Ein Beispiel dafür ist der Einsatz der ehemaligen Reichstagsabgeordneten der KPD Helene Kirsch, die als Kurier der illegalen Leitung der KPD Berlin-Brandenburg im März 1933 mehrmals nach Cottbus fuhr und ferner den Kontakt zu illegalen Parteigruppen in Bad Freienwalde, Luckenwalde, Strausberg und Prenzlau wieder herstellte sowie an der Neuorganisation von der Gestapo zerschlagener Unterbezirke der KPD in Lübben, Cottbus und Weißwasser maßgeblich beteiligt war. Aus der Anklageschrift gegen die Beteiligten 25 Antifaschisten ist zu entnehmen, dass bereits im Frühjahr 1933 von der damaligen Berliner Bezirksleitung der KPD auf die Schaffung von illegalen Betriebszellen mit Gleichgesinnten, unabhängig von der parteipolitischen Zugehörigkeit, orientiert wurde.
Unter der Überschrift wesentliches Ergebnis der Ermittlungen hob der Generalstaatsanwalt beim Berliner Kammergericht in einer Anklageschrift vom 29. November 1933 hervor, dass "die Parteiführung (der KPD-G.W.)….generelle Richtlinie für die illegale Arbeit heraus gab.Nach diese Richtlinien wurden von März 1933 an die illegalen Organisationen der KPD im Unterbezirk Cottbus illegal fortgeführt bzw. wieder reorganisiert. Der Anklageschrift ist zu entnehmen, dass es den Angeklagten gelang, in einigen Betrieben 3 bis 5 Personen umfassende illegale Zellen aufzubauen und im erheblichen Umfang zentrale und örtliche Flugschriften zu verbreiten. So wurden bei dem Mitangeklagten Arbeiter Rudolf Krauter aus Berlin-Britz etwa 1 ˝ Zentner illegaler Druckerzeugnisse beschlagnahmt. Während der Durchsuchung seiner Wohnung flüchtete R. Krauter und konnte erst nach starkem Widerstand erneut festgenommen werden.Abschließend heißt es in der Anklageschrift "Die Angeschuldigten haben im weiten Umfange Geständnisse abgelegt; allerdings erst nach scharfen Verhören."
Ab Anfang Mai 1933 entstanden aus der verbotenen SPD drei umfangreiche illegale Gruppen, die wie "Der Rote Stoßtrupp" und "Der Proletarische Pressedienst" in ganz Berlin verankert waren sowie die Gruppe "Parole – Das Neuköllner Einheitsorgan" die vorwiegend in Berlin-Neukölln wirkte. Hans-Rainer Sandvoß informiert in seiner Publikation Die "andere Reichshauptstadt", dass ab April 1933 bis zur Zerschlagung des "Roten Stoßtrupps" 1933/34 30 000- 40 000 Untergrundschriften verbreitet wurden.Die Gruppe "Parole" umfaßte ca. 40 jüngere ehemalige SPD-Mitglieder, die auch Kontakte zu Jungkommunisten suchten und fanden. Maßgeblich beteiligt an der Herstellung und Verbreitung illegaler Flugschriften war der Buchdrucker Hellmut Bock.
Ein bisher in der Forschung zum Widerstand kaum beachteter bzw. untersuchter Bereich illegalen Wirkens in Berlin und anderen Städten ist das BB-Ressort der KPD. Dieser Geheimapparat befaßte sich mit der Betriebsberichtserstattung. Hinter dieser schlichten Bezeichnung verbarg sich ein straff organisierter Apparat der KPD, der sich vorwiegend mit der Beschaffung geheimer Rüstungsunterlagen und Aufträge sowie die Strukturierung der bewaffneten Organe seit Mitte der zwanziger Jahre beschäftigte und laut Gestapo und Volksgerichtshof die gefährlichste Organisation der KPD war. Seit wenigen Wochen dieses Jahres gibt es die von Siegfried Grundmann erarbeitete Publikation die erstmalig über den BB-Ressort Auskunft gibt. in der illegalen Organisation waren nicht wenige Berliner Antifaschisten wirksam, die vorwiegend als Wissenschaftler, insbesondere im technischen Bereich arbeiteten. So hat z. B. Dr. Felix Bobek, der österreichischer Staatsbürger war, als Physiker im Versuchslabor der Berliner Osram GmbH Geheimberichte aus dem Bereich Physik und Chemie und ihm zugängliche Fakten aus der Rüstungsindustrie an die Auslandsleitung der KPD übermittelt , die an die Sowjetunion weitergeleitet wurden. Engste Mitarbeiterin war seine Frau Dr. Gertrud Bobek, die vor der drohenden Verhaftung emigrieren konnte. Ihr Mann wurde 1938 wegen Hoch- und Landesverrat im Strafgefängnis Berlin-Plötzensee hingerichtet. Gerhard Holzer aus Berlin, er lebte illegal in der Stadt, fungierte für den BB-Apparat als Reichskurier und als Betriebsinstrukteur für die Magdeburger Krupp-Gruson-Werke und die Junkers Werke in Dessau. Er stand in unmittelbaren Kontakt zu Kurt Hager und traf sich mehrmals 1934/35 in Prag und Berlin mit ihm, um über die Organisation der illegalen Arbeit in Berlin und im KPD Bezirk Magdeburg zu beraten und zu berichten. Auch er wurde am 31. Juli 1937 in Berlin-Plötzensee wegen Landes- und Hochverrat hingerichtet. Im Zeitraum 1936-38 kam durch die Massenprozesse gegen Kommunisten und Sozialdemokraten vor dem Volksgerichtshof und dem Berliner Kammergericht der Widerstand in Berlin fast zum erliegen. Es gab aber immer noch in Freiheit verbliebene Antifaschisten die sich erneut sammeln und organisieren konnten wie aus den Gestapo-Lageberichten zu entnehmen ist.
Die Illegalen nutzten jede sich bietende Gelegenheit zum Widerstehen. So nutzte Heinz Kapelle als vorbestrafter Buchdrucker seine Arbeitsverpflichtung in dem Druckereibetrieb Albin Zeh in Berlin Schönhauserallee 9a, um dort Flugblätter zu drucken. Er wohnte in Berlin-Neukölln und hatte dort mit Erich Ziegler, der hier eine Leihbücherei betrieb, seit Anfang 1939 sowohl in Neukölln, Kreuzberg, Tempelhof und Treptow ca. 60 ehemalige Mitglieder des KJVD, der SA und aus der katholischen Jugendbewegung und vor 1933 nicht organisierter Jugendliche gesammelt, die in dreier Gruppen untergliedert, illegal in Betrieben der genannten Stadtbezirke wirkten. Voller Zorn mußte die Berliner Gestapo am 9. September 1939 feststellen, dass in der Nacht zum 9.9.1939 in mehreren Stadtbezirken und Großbetrieben das Flugblatt "Ich rufe die Jugend der Welt" kursierte. Bezugnehmend auf Hitlers Begrüßungsworte zu den olympischen Spielen 1936 in Berlin entlarvten die Widerständler die Kriegslüge des NS-Regimes. Wenige Wochen später verbreiteten die jungen Antifaschisten dass im ordentlichen Druckverfahren an seinem Arbeitsplatz hergestellte Flugblatt "Kolonien – die neue Kriegsparole Hitlers". Unterstützt wurde er bei dem illegalen Druck durch den Sozialdemokraten Kurt Düttchen und den Jungsozialisten Hans Großmann, die mit ihm in der Druckerei beschäftigt waren. Trotz intensiver Suche und härtester Vernehmungsmethoden gelang es der NS-Justiz, nur 6 Beteiligte der illegalen Gruppe zu verhaften und abzuurteilen. Heinz Kapelle wurde am 1. Juli 1941 hingerichtet. Erich Ziegler überlebte seine lebenslange Zuchthausstrafe ebenso wie seine zu hohen Strafen verurteilten Kampfgefährten.
In den Jahren 1939 bis zu ihrer Aufdeckung durch die Gestapo nutzten zwei illegale Organisationen, die sich überwiegend aus Angehörigen der Arbeiterbewegung zusammensetzten, alle Varianten, um in Berliner Betrieben sowohl in der Rüstungsindustrie als auch in anderen wirtschaftlichen Bereichen kleine illegale Betriebszellen aufzubauen, die im Zusammenwirken mit Kriegsgefangenen, ausländischen Zwangsarbeitern und dienstverpflichteten KZ-Häftlingen Widerstand leisteten und Sand in das Getriebe der Rüstungsbetriebe streuen konnten. Selbst in den Tagen der Kämpfe um Berlin im April/Mai 1945 bemühten die verbliebenen Widerständler, Leben zu erhalten und lebenswichtige Betriebe und Institutionen vor der Vernichtung zu bewahren.
So haben Mitstreiter der Uhrig-Organisation in über 70 unterschiedlichen Betrieben in Berlin gewirkt. Aufmerksame Besucher des Landesarchivs können die Gedenktafel für die Frauen und Männer, die in den ehemaligen Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken am Eichborndamm illegal wirkten nicht übersehen. In den Siemens-Plania-Werken in Berlin-Lichtenberg sorgten der illegalen Organisation dafür, das 70 000 Schuss Infanteriemunition durch Übersäuerung unbrauchbar gemacht wurde.
Robert Uhrig wurde trotz seiner Vorstrafe mit Hilfe sozialdemokratischer Werkmeister als geschätzter Werkzeugdreher und Hartlehrenbauer (Messwerkzeug) bei der Firma Dr. Klaus Gettwart in Berlin, Köpenickerstr., beschäftigt. Er war beteiligt an der Rüstungssabotage bei der Entwicklung von Maschinengewehren und geplanten Hubschraubern.
Seit 1940 bemühte sich Anton Saefkow, der 1939 aus der Haft entlassen war neue Kontakte zu knüpfen und bis zu seiner erneuten Verhaftung am 4.Juli 1944 hatte er mit Franz Jacob und Bernhard Bästlein eine der umfangreichsten Widerstandsorganisationen im Land geschaffen. Hauptstützpunkte des illegalen Wirkens dieser Organisation waren Betriebe, Institutionen und Einrichtungen der Wehrmacht. In ca. 90 unterschiedlichen Betrieben in fast allen Stadtbezirken Berlins gab es Mitstreiter dieser Organisation.
Die Zahl der Betriebe und die vielfältigen Formen des Widerstandes gegen die NS-Diktatur dürfen nicht darüber hinweg täuschen, dass nur eine kleine Schar Widerständler ihr Leben für ein neues demokratisches Deutschland einsetzten.

In der nachfolgenden lebhaften Diskussion stand zunächst das Quellen-Problem im Mittelpunkt. Daraus abgeleitet wurde festgestellt, dass bei der Verwendung von Schriftgut der Dienststellen und Gerichte des Nazi-Systems jede Quantifizierung des Arbeiterwiderstandes nur die unterste Grenze des Handelns gegen das Regime und der Unterstützung von Opfern der rassistischen Politik sowie von Solidaritätsaktionen gegenüber Kriegsgefangenen u.ä. darstellen kann – nämlich nur soviel, wie den Behörden bekannt war und zur Anklage kam. Gerade in den letzten Jahren der Nazi-Diktatur sei es das Bestreben der Antifaschisten gewesen, Kader für die Zeit nach dem baldigen Sieg der Anti-Hitlerkoalition, für einen Neuanfang zu sichern. In diesem Zusammenhang wurde auch das Problem der Resignation auf die Gegner der Nazis angesichts anfänglicher Erfolge des Systems und der beträchtlichen Zahl von Nazi-Aktivisten und Mitläufern diskutiert. Deshalb sei die Behauptung der Antifaschisten aus der Arbeiterklasse in einer vielfach feindlichen, lebensbedrohenden Umgebung umso höher zu bewerten. Eine weiterer Punkt der Diskussion war die Frage nach der Verbreitung der wissenschaftlichen Ergebnisse über den Arbeiterwiderstand. Einig war man sich, dass vielfach gegen erheblichen Widerstand maßgebender Kräfte im vereinten Deutschland noch große Anstrengungen gemacht werden müssen, um die Nazi-Herrschaft richtig einzuordnen und dem apologetischen Bild, der Faschismus sei eine Konsens- und Gefälligkeitsdiktatur gewesen, mit den nun vorliegenden neuen Erkenntnissen entgegen zu wirken. Schmerzliche Defizite gibt es bei der Verbreitung der Geschichte des Arbeiterwiderstandes bei Jugendlichen und in weitweitreichenden Medien. Dr. Sandvoß wies darauf hin, dass die Gedenkstätte Deutscher Widerstand dem Arbeiterwiderstand in der Forschung sowie der Publikations- und Ausstellungstätigkeit großen Raum widmet.



Martin Seckendorf

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