Professor Dr. Gerhart Hass/Rangsdorf: Von Wilhelm Canaris zu Georg Alexander Hansen. Das Ende des Amtes Ausland/Abwehr im OKW und das Attentat vom 20. Juli 1944.


Die Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung hatte am 9. Oktober 2007 zu ihrer monatlichen Vortrags- und Diskussionsveranstaltung den Historiker Professor Dr. Gerhart Hass als Vortragenden gewinnen können. Vor etwa 40 interessierten Zuhörern referierte er über den letzten Chef des OKW Amtes Ausland/Abwehr, dem Zentrum der Wehrmachtsspionage, Georg Alexander Hansen.
Schwerpunktmäßig befasste sich Prof. Hass mit der wenig bekannten und in der Bundesrepublik bislang kaum gewürdigten Widerstandstätigkeit von Georg Hansen, der im Zusammenhang mit dem Attentat vom 20. Juli 1944 auf Hitler am 10. August 1944 zum Tode verurteilt und am 8. September 1944 in Plötzensee hingerichtet worden war.
Die gut besuchte Veranstaltung wurde von Dr. Erika Schwarz souverän moderiert. Mit besonderer Herzlichkeit begrüßte sie namens der Berliner Gesellschaft mehrere Mitglieder der Familie Hansen, die weite Reisen auf sich genommen hatten, um der Veranstaltung im Saal B der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in der Berliner Stauffenbergstraße bei zu wohnen. Ebenso herzlich wurde der Historiker und ehemalige Direktor der Landesbibliothek Coburg Dr. Jürgen Erdmann begrüßt, der 2006 in einem Sammelband die erste Biografie Hansens veröffentlicht hatte(Jürgen Erdmann: Mein Platz ist in Berlin Georg Hansen; in: Stefan Nöth (Hg.), Coburg 1056 2006, Ein Streifzug durch 950 Jahre Geschichte von Stadt und Land. ISBN 3-86652-082-4).




Georg Alexander Hansen


Danach ergriff Prof. Hass das Wort zu seinem Vortrag.
Zunächst ging Gerhart Hass auf einige "Absonderlichkeiten" in vielen Publikationen über Canaris und seinen Nachfolger Hansen ein, die die Widerstandstätigkeit Hansens eher verzerrten, denn aufhellen oder korrekt beschreiben. Der Auf- und Abstieg und das Handeln des OKW Amtes Ausland/Abwehr sind oft dargestellt worden. Ebenso gibt es zahlreiche Arbeiten, in denen auf die Rivalitäten zwischen dem zentralen Spionagedienst der Wehrmacht und den parallel von der NSDAP und SS unterhaltenen Spionagediensten eingegangen wird. Dadurch sind die Namen der Leiter der Dienste wie Walter Schellenberg, der seit 1941 den Auslandsnachrichtendienst der SS, das Amt VI im RSHA, führte oder Wilhelm Canaris, der seit 1935 den Apparat der Wehrmachtsspionage leitete, in weiten Kreisen bekannt. Das Leben und die Tätigkeit, insbesondere das Handeln als Widerständler von Oberst i.G. Georg Alexander Hansen, sind jedoch nahezu unbekannt. Dabei stand Hansen seit Februar 1944 als Nachfolger von Canaris an der Spitze der mehr oder weniger in das RSHA eingegliederten Reste des militärischen Spionagedienstes. Canaris und Hansen starben - maßgeblich durch die Mitwirkung Schellenbergs - von der Hand der Schergen des faschistischen Regimes Hansen 40jährig am 8. September 1944 in Berlin-Plötzensee, Canaris 58jährig am 9. April 1945 im KZ Flossenbürg. Schellenberg, wurde 1949 im Nürnberger Wilhelmstraßenprozeß zu der lächerlich geringen Freiheitsstrafe von 6 Jahren verurteilt und schon 1950 aus der Haft entlassen. Über Georg Hansen gibt es in der Ausstellung der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in der Berliner Stauffenbergstraße einige Dokumente und Fotos. Ansonsten fehlt sein Name in der einschlägigen Literatur. Lediglich in manchen Memoiren und Monografien wird er im Zusammenhang mit dem 20. Juli 1944 erwähnt. Canaris und Hansen - und nach der Amtsenthebung von Canaris Hansen allein - waren die entscheidenden Persönlichkeiten der Wehrmacht, die mit der Führung der SS Himmler, Kaltenbrunner, Schellenberg, Müller u.a. "verhandelten", nachdem die Ambitionen der SS-Führung, den militärischen Geheimdienst vollständig zu übernehmen, nicht mehr zu verhindern waren. Hitler hatte am 12. Februar 1944 befohlen, einen einheitlichen deutschen Meldedienst unter der Führung der SS zu schaffen.
Von diesen grundlegenden Veränderungen des Geheimdienstes, die die faktische Auflösung der militärischen Abwehr darstellten, sind insbesondere auf die Person Hansen bezogen - die Vorbereitung und Durchführung eines Attentats zur Beseitigung Hitlers und seiner Führung zu stürzen, nicht zu trennen. In diesem zeitlich sehr schnell ablaufenden Prozess gelangte Hansen in den engsten Kreis der Verschwörer um Stauffenberg. Über die Rolle Hansens im Kreis der Verschwörer gibt es in der Literatur viele Ungereimtheiten.
Danach wandte sich Prof. Hass dem Lebensweg von Hansen zu, der maßgeblich von der Reichswehr und der Wehrmacht bestimmt war. Seine Vita ist kaum bekannt. Die ausführlichste Darstellung findet sich in dem 2006 erschienen Sammelband "Coburg 1056 2006". Jürgen Erdmann veröffentlichte darin den Aufsatz "Mein Platz ist in Berlin Georg Hansen (1904 1944) Generalstabsoffizier aus Coburg Widerständler NS-Opfer 1944".
Georg Alexander Hansen wurde am 5. Juli 1904 in Sonnefeld bei Coburg geboren. Er entstammte einer alteingesessenen Familie nordfriesischer evangelischer Theologen. Schon der Großvater war in das liberale Coburg gewechselt. Georg Alexander Hansen schloss 1923 in Coburg das Gymnasium mit dem Abitur ab. Nach zwei Semestern konnten die Eltern sein an der Universität Erlangen begonnenes Jurastudium infolge der Inflation nicht weiter finanzieren. Seine Bewerbung beim Hunderttausendmannheer hatte Erfolg und so begann 1924 seine zwanzigjährige Laufbahn bei Reichswehr und Wehrmacht. 1931 heiratete er Irene Stölzel, mit der er fünf Kinder hatte. Sie wurden nach dem 20. Juli 1944 im "NS-Kinderheim" Bad Sachsa im Alter von zwölf, acht, sechs und einem Jahr sowie die Jüngste von10 Tagen "interniert", während die Mutter vom 28. Juli bis zum 1. Oktober 1944 als "Sippenhäftling" im Polizeigefängnis Nürnberg inhaftiert war.
Hansen gehörte nach Wiedereröffnung der Kriegsakademie in Berlin am 15. Oktober 1935 zu den 136 Offizieren des ersten neuen Lehrgangs, wo er von Ludwig Beck beeinflusst wird. Claus Schenk Graf von Stauffenberg war 1936 Angehöriger des zweiten Lehrgangs. Hansen und v. Stauffenberg kannten sich aus dieser gemeinsamen Zeit. Nach Abschluss des Akademie-Lehrgangs wurde Hansen in das OKH/Generalstab des Heeres/Abteilung Fremde Heere Ost, dem Heeresspionage- und Diversionsdienst, versetzt. Ab November 1939 war er dort Leiter der Gruppe I, zuständig für die Länder Slowakei, Ungarn, Rumänien, Jugoslawien, Bulgarien, Griechenland, Türkei; Iran. Am 1. Mai 1944 wurde Hansen zum Obersten i.G befördert. In den Jahren seiner Tätigkeit in der Abt. Fremde Heere Ost erlernte Hansen gründlich das Handwerk der Ausspähung anderer Staaten und wurde dabei einer der besten deutschen Kenner der Situation in den Staaten des Balkans und des Nahen Ostens. Im Mai 1944 wurde Hansen und der größte Teil seines Amtes dem Reichssicherheitshauptamt unterstellt, sein direkter Vorgesetzter wurde Walter Schellenberg, bzw. er dessen Stellvertreter.
Sodann wandte sich Gerhart Hass in gedrängter Form den Gemeinsamkeiten sowie den lange schwelenden Konflikten und den Konkurrenzkämpfen zwischen den Spionage- und Diversionsapparaten der Wehrmacht und der Führung der SS sowie der NSDAP zu. Er wies darauf hin, dass der Prozess des Streits über die Kompetenzen der militärischen Abwehr und der Organe der Nazipartei in mehreren Publikationen ausführlich, wenngleich nicht immer tiefgründig dargelegt ist.
Anfang 1943 verschlechterte sich die militärische Lage Deutschlands rapide. Die Faschisten gerieten im Osten wie im Mittelmeergebiet in die strategische Defensive, in eine aussichtslose militärische Lage.
Am 7. April 1943 wurde Stauffenberg, 1. Generalstabsoffizier der 10. Panzerdivision, in Tunesien schwerstverwundet. Er war inzwischen zu der festen Überzeugung gelangt, dass die deutschen Eliten, die Hitler an die Macht gebracht, den Krieg mit vorbereitet und bisher "total" geführt hatten, das deutsche Volk nun aus der Katastrophe führen müßten. Nach seiner notdürftigen Genesung wurde Stauffenberg zum Stabschef beim Befehlshaber des Ersatzheeres berufen. Der Berliner "Bendlerblock" war Stauffenbergs Dienstsitz. Dort befand sich in den Häusern am Tirpitzufer, auch der Berliner Dienstsitz der Abwehr. Große Teile der Abwehr wurden in die schon zu Friedenszeiten ausgebaute Bunkeranlage des OKH (Deckname "Zeppelin") in Zossen / Wünsdorf verlagert. Die inzwischen von Hansen geleitete Abwehr besaß außerdem bei Baruth das Barackenlager "Belinda" und unter dem Decknamen "Tanne" in der ehemaligen Polizeischule bei Potsdam-Eiche einen weiteren Stützpunkt.
Die Wandlung Hansens zu Oppositionellen vollzog sich wahrscheinlich seit 1938 unter dem Einfluß von Ludwig Beck. Der dienstliche Einblick in die Verbrechen des Nazi-Regimes dürfte ihn endgültig zum Widerstand veranlasst haben. Er war einer der wichtigsten Informanten der Widerstandsgruppe um Generalmajor Henning von Tresckow und Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Hansen wirkte ab 1943 an allen Planungen für das Hitlerattentat mit und nahm 1944 an den meisten wichtigen Besprechungen zur Vorbereitung teil. Hansen organisierte Autos und Flugzeuge sowie den Schutz der Mitverschwörer. Sein Haus in Rangsdorf diente öfters als konspirativer Treffpunkt. Über die Widerstandstätigkeit Hansens sind bisher längst nicht alle Quellen zu Rate gezogen worden. So gibt es im Bundesarchiv einen Bericht von Dr. Hararld Joerges vom 3. Juli 1946. Dieser war im AmtMil. des RSHA, in das die Reste der Wehrmachtsspionage eingegliedert worden waren, der für Finanzfragen zuständige Mitarbeiter und unterstand dem Stellvertreter Hansens, dem Leiter der Abt. I, Oberstleutnant Karl-Heinz Engelhorn. Joerges berichtet, dass Hansen ihn in Vorbereitung des Attentates etwa im März 1944 aufgefordert habe, auf finanziellem und vor allem auf dem Devisengebiet Vorbereitungen zu treffen, die das Amt(nach einem Putsch gegen Hitler) in die Lage versetzen sollten, mehrere Monate ohne Zuweisung neuer Mittel durch die zuständigen Reichsstellen schlagkräftig zu bleiben. Hansen sollte nach erfolgreichem Attentat das RSHA besetzen und dessen SS-Kommandeure festnehmen. Außerdem war geplant, ihn als Bevollmächtigten Becks, der als vorläufiges Staatsoberhaupt vorgesehen war, mit General Dwight D. Eisenhower über einen Separatfrieden mit den Westmächten verhandeln zu lassen. Hansen nimmt noch wenige Tage vor dem Umsturzversuch an den letzten Besprechungen der Verschwörer um Claus Schenk Graf von Stauffenberg teil. Am 20. Juli 1944 hält er sich in Bamberg auf und kehrt zwei Tage darauf nach Berlin zurück, wo er in seiner Dienststelle verhaftet wird. Am 10. August 1944 werden im zweiten Schauprozß gegen die Verschwörer vom 20. Juli 1944 Todesurteile gegen Erich Fellgiebel, Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg, Berthold Schenk Graf von Stauffenberg, Alfred Kranzfelder und Georg Hansen gefällt. Bis zu seiner Hinrichtung am 8. September 1944 wurde Hansen im Kellerverlies des RSHA gefangen gehalten.
Gerhart Hass ging dann auf die Motive ein, die den konservativen, allerdings hoch gebildeten und weit gereisten, weltoffenen Offizier Hansen in den Widerstand führten. Hansen habe sich aus der Überzeugung heraus am Widerstand beteiligt, Deutschland vor der drohenden Vernichtung zu retten und strebte nach einem gelungenen Putsch eine demokratische, rechtsstaatliche Ordnung in Deutschland an.
Zum Schluß seines Vortrags ging Gerhart Hass auf diebislang sehr dünne Quellenlage ein und betonte die Notwendigkeit, verstärkt auch die nun zugänglichen ausländischen Archive u.a. in Ungarn, Spanien, USA und Großbritannien zur Erforschung der Tätigkeit Hansens zu nutzen.
In der sich an den Vortrag anschließenden regen und sachkundigen Diskussion ging es zunächst um die Quellenlage über die Spionagedienste, ihre strukturellen Veränderungen und wichtige Aktionen. Vor allem wurde die Quellenlage über die genaue Rolle Hansens im Widerstand und über seine Motive, sich den Verschwörern anzuschließen, erfragt. In diesem Zusammenhang wurde auch die Frage diskutiert, wie es zu der Wandlung Hansens und anderer Offiziere gekommen ist, sich vom zunähst unterstützten NS-Regime zunehmend abzuwenden und es schließlich gewaltsam beseitigen zu wollen. Dies sei bei Hansen besonders wichtig, da dieser bereits seit seiner Zeit auf der Kriegsakademie Verbindung zu Ludwig Beck hatte. Außerdem wurden Fragen zur Quellenlage über die Vorstellungen Hansens für eine deutsche Nachkriegsordnung gestellt. Diskutiert wurden auch die für den Widerstand wichtigen Auslandsverbindungen Hansens vor allem nach Ungarn und Spanien. Ein weiterer Diskussionspunkt waren die Hintergründe der Differenzen zwischen den Spionagediensten der SS und jenen der Wehrmacht. In der Diskussion wurde auch die Frage gestellt, wie mit dem Andenken Hansens in der Bundesrepublik, insbesondere in der Bundeswehr umgegangen wird. Es wurde resümiert, dass es bis auf einige Dokumente und Kurzbiografien in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und an der Hinrichtungsstätte Plötzensee kein offizielles Gedenken gibt und der Name Hansen in der Traditionspflege der Bundeswehr keine Rolle spielt. Gerhart Hass teilte in diesem Zusammenhang mit, dass seit 1998 eine Straße in Rangsdorf den Namen des Widerständlers trägt.
Zum Abschluß der Diskussion dankten die Mitglieder der Familie Hansen der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung für die Veranstaltung zu Ehren von Georg Alexander Hansen.



Martin Seckendorf

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