Klaus Woinar(Berlin):
Falkensee und der "deutsche T 34" - Panzerfertigung im Reichsbahn-Ausbesserungswerk(RAW) 1942-1945.


Zu ihrer Vortragsveranstaltung am 13. Februar 2007 hatte die Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung e.V. den Berliner Historiker Klaus Woinar eingeladen und ihn gebeten, seine neuen Forschungsergebnisse über das Panzerwerk Falkensee und die Bemühungen der faschistischen Wirtschafts- und Militärführung um die Entwicklung eines neuen Panzermodells vorzutragen. Hintergrund der geradezu hektischen Aktivitäten in und um den Berliner Vorort Falkensee und um das Konzentrationslager Sachsenhausen war das massenhafte Auftauchen des sowjetischen Panzers T 34 an der Ostfront. Die Erfolge der Roten Armee mit dem Panzer lösten bei deutschen Militärs und Rüstungsindustriellen einen regelrechten Schock aus. Um die relativ "trockene" Materie den zahlreichen Zuhörern näher zu bringen, verwandte Klaus Woinar während seines Vortrags in großem Umfang Bildmaterial und statistische Vergleiche. Klaus Woinar stellte eingangs fest, dass über die Hintergründe der Planung und den Betrieb des Panzerwerkes in Falkensee bislang wenig bekannt ist. Zunächst gab er einem Überblick über die deutschen Panzerrüstung in der Zeit vom Beginn des Zweiten Weltkrieges bis zum Überfall auf die UdSSR im Juni 1941 und schilderte dann den durch das Erscheinen des sowjetischen Panzers "T – 34" auf dem Schlachtfeld hervorgerufenen, "Panzerschock" bei den deutschen Militärs und Rüstungsindustriellen am Beispiel der Daimler Benz AG Stuttgart.

Klaus Woinar führte dann sinngemäß aus:
Die Erfolge der sowjetischen Panzerwaffe mit dem neuen Modell T 34 gegen die deutschen Aggressoren an der Ostfront führten dazu, dass die deutsche Militärführung von dem bisherigen Konzept abließ und die Entwicklung und beschleunigte Produktion eines dem "T-34" gleichwertigen Panzers anordnete. Grundlage für die Entwicklung eines "deutschen T 34" bildete die Analyse eines unzerstörten sowjetischen Beutepanzers. Den Motor begutachteten Ingenieure der Daimler Benz AG, die über die leichte Bauweise aber enorme Leistungsfähigkeit des sowjetischen Motors erstaunt waren. Daimler Benz hatte erst Ende 1941 einen gleichwertigen Motor entwickelt, der aber noch nicht in ausreichender Stückzahl produziert wurde. Schließlich einigte man sich darauf, Bauteile der bisherigen Entwicklungen für einen "Panzer V" variiert zu verwenden. Zu Beginn des Jahres 1942 erhielten die Firmen Daimler – Benz AG, Stuttgart und die MAN (Maschinenfabrik Augsburg Nürnberg), Augsburg den Auftrag, eine Fahrlafette für einen 30 Tonnen Panzer zu entwickeln. Den Turm entwickelte die Firma Rheinmetall AG, Düsseldorf. Im Juni 1942 informierte der Vorstandsvorsitzende von Rheinmetall, Kissel, dass für die "Panther" – Großproduktion ("Panther" wurde als Namen für den Panzer V eingeführt) der Entwurf der Firma MAN ausgewählt wurde. Die Daimler –Lafette hätte einer neuen Entwicklung eines Turmes bedurft. Die Neuentwicklung des Panzers V "Panther" wurde Bestandteil, der Planungen zur forcierten Rüstung aus diesem Gebiet. Neben der Entwicklung neuer Panzertypen bestand die Aufgabe darin, eine beträchtliche Steigerung der Produktionskapazitäten für diese Gefechtsfahrzeuge zu erreichen. Diese Planungen wurden im Jahr 1942 formuliert und sind in der Forschung als "Adolf Hitler Panzerprogramm 1943" zusammengeführt. Im technischen Büro von Karl Otto Saur, leitender Mitarbeiter im Reichsministerium für Bewaffnung und Munition, entstand im Juni 1942 der Plan, in den Hallen des RAW Falkensee ein großes Panzermontagewerk unter Regie privater Firmen einzurichten. Der Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion, Albert Speer, berichtete Adolf Hitler im Juli und im August 1942 persönlich über das Projekt Falkensee. Nach Speers Aufzeichnungen forderte Hitler "die Unterstützung aller für das Gemeinschaftswerk Falkensee und einen wesentlichen Mehrausstoß an 'Panthern'für das Jahr 1943."
Woinar ging in seinen weiteren Ausführungen von zwei Kernthesen aus:

  1. In Falkensee wurde ein erbitterter kapitalistischer Konkurrenzkampf um die lukrativen Panzeraufträge und um die Nutzung des billigen und technisch günstigen Geländes des RAW geführt.
  2. Die Nutzung des Geländes in Falkensee durch private Rüstungsfirmen, das mit öffentlichen Geldern des Reichsbahnfiskus errichtet worden war, stellte eine besondere eklatante Form von staatlicher Förderung großer Industriekonzerne dar.

Die Planungen für ein RAW Falkensee, als Ausbesserungswerk an der Berlin-Hamburger Bahn begannen bereits vor dem Jahr 1934. Das Projekt sah den Bau von drei Hallen von jeweils 218 Metern Länge und 58 Metern Breite eine 70 Meter Breite vor. Die Bauaufsicht übernahm die "Generalbauinspektion für die Neugestaltung der Reichshauptstadt" unter Albert Speer. Die Tiefbau- und Fundamentarbeiten waren im Jahre 1940 abgeschlossen. Das RAW erhielt im "Kriegsprogramm Speer" vom September 1941 als Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt die höchste Priorität und wurde entsprechend den Friedenplanungen fertiggestellt. Die Gesamtplanung des neuen Panzerwerkes sollte in den Händen von Henschel – Kassel und der Firma Alkett –Berlin liegen. Alkett wurde in einem "vorläufigem Kriegsauftrag" mit der Maschinenbeschaffung für das Werk Falkensee bis zu einem Gesamtbetrag von 35 Mill. RM betraut. Den Auftrag zur Lieferung der Maschinen erhielt die Demag AG, ein Maschinenbauunternehmen aus dem Ruhrgebiet ohne Erfahrungen im Fahrzeugbau und der Panzerrüstung. Es produzierte vor allem Bergwerksausrüstungen und große Baumaschinen, deren Export im 3. Kriegsjahr drastisch einbrachen. Ab dem 7. September 1942 nahmen die Vertreter der Demag, Generaldirektor Hans Reuter, und der vom Rüstungsministerium zur Demag versetzte Georg Rickhey an den Vorbereitungssitzungen teil. Bereits in dieser frühen Phase der Planungen ging man von der Ausbeutung ausländischer Arbeiter aus: Das Hauptkontingent der Arbeiter werde "sich natürlich aus Russen zusammensetzen", so Demag-Generaldirektor Hans Reuter. Er fügte hinzu, die Demag erwarte die vollständige Finanzierung von Entwicklung und Produktion durch den Staat. So erhielt im Oktober 1942 die Demag AG den "Kriegsauftrag" zur Produktion von 3000 Panzern "Panther `M`" mit Produktionsstart Juni 1943. Mitte Oktober 1942 wurde die neugegründete " Demag Fahrzeugwerke Falkensee GmbH" mit Sitz Falkensee in das Handelsregister Berlin Charlottenburg mit dem Geschäftsführer Hans Reuter und Georg Rickhey eingetragen. Demag - Aufsichtsratsmitglied Wilhelm Zangen notierte zu den benötigten Arbeitskräften und zur Finanzierung des Falkenseer Projekts im Dezember 1942: "10.000 Mann, 4.500 Ostarbeiter, … keine Kredite der Demag!, Risiko geht über 3 Mio. RM Kapital nicht hinaus (bei einer Gesamtinvestition von 97 Mill. RM)". Vor allem die Ausbeutung von "Arbeitskräften" aus dem nahe gelegenen KZ Sachsenhausen und der Aufbau eines "Außenlagers" des KZ auf dem Werksgelände war geplant. Bereits Anfang Dezember 1942 besichtigte der mit der Planung des KZ- Außenlagers beauftragte Architekt Wilhelm Fricke aus Hannover das KZ Sachsenhausen (Siehe die Rubrik "Fundstücke" auf dieser Website). Mit Beginn des Jahres 1943 waren die Planungen abgeschlossen. In die sich nun anschließende Bauphase wurden die Rüstungskommandos Berlin und Potsdam (Wehrmachtsbehörden zur Anleitung von Rüstungsfirmen) sowie die zuständigen Arbeitsämter und das Landratsratsamt Osthavelland einbezogen. Zusätzlich zugewiesene Aufgaben, wie der Umbau von 117 'Panthern' wurden nur verspätet und mit Hilfe einer Arbeitskolonne der Berliner Firma Alkett erledigt. Eine Aufnahme der Fertigung von 'Panthern' erfolgte nicht bis zum geplanten Termin Juni 1943. Für das Werk ist für die gesamte Zeit der Verantwortung der Demag bis September 1944 keine Produktion nachweisbar. Im Werk wurden nur 'Panther'- Fahrwerksteile für das Daimler Benz Werk, Berlin – Marienfelde und Demag, Wetter hergestellt. Für einige Wochen im Frühjahr 1944 wurde bei der Demag Falkensee die Rakete A 4 (V 2) mit elektrischen Schaltungen komplettiert. Nachdem im November 1943 und Januar 1944 die Firma Alkett, Berlin – Renickendorf, eine Tochterfirma der Rheinmetall – Borsig AG, deren Werke durch Fliegerschäden stark beschädigt waren, wesentliche Teile ihrer Produktion von Sturmgeschützen ins Werk nach Falkensee auf Weisung Rüstungsministeriums verlagert hatte, begann ein zähes Ringen um das Recht, die Hallen zu nutzen. Generaldirektor Reuter (Demag) unterbreitete dem Generaldirektor Helmut Roehnert (Rheinmetall – Borsig) den Vorschlag, eine "Kriegsbetriebsgemeinschaft", unter Führung der Alkett zu bilden. Alkett verfolgte das Ziel die Demag aus dem Werk zu drängen, um alle Hallen des unbeschädigten Werkes samt Maschinen und Arbeitskräften zu nutzen. Hierfür versicherte sie sich die Unterstützung des Rüstungsministers, namentlich des Ministers Albert Speer und seines Stellvertreters Karl Maria Hettlage.Ddie Demag wiederum versuchte, Hilfe vom Heereswaffenamt unter General Emil von Leeb zu erhalten. Reichsminister Speer verfügte schließlich, das Werk bis zum 31. August 1944 vollständig an die Alkett zu übergeben. Im Oktober 1944 übernahm die Alkett alle Verträge der Demag mit der Deutschen Reichsbahn und gliederte das Werk Falkensee als Endmontagestätte für Sturmgeschütze in die Produktionsstätten Berlin – Reinickendorf und – Spandau ein, und erreichte einen Produktionsausstoß von 520 "Sturmgeschütze III" für November und Dezember 1944. Außerdem wurde ab Oktober 1944 Artilleriemunition produziert. Damit war der Plan, ein neues großen Panzerwerkes in "vollständiger technologischer Tiefe" im RAW Falkensee zu errichten, gescheitert. Noch bis in den April 1945 wurde am Ausbau des Werkes gearbeitet. Im Werk arbeiteten etwa 500 Deutsche und 2000 Ausländer, in der Mehrzahl Zwangsarbeiter und KZ – Häftlinge. Am 22. April 1945 brach die Ferngasversorgung aus dem Braunschweiger Raum zusammen, wodurch eine Produktion unmöglich wurde. Die letzten im Werk gefertigten Sturmgeschütze wurden der in der Gegend um Potsdam aufgestellten Armeegruppe Wenck übergeben.

In der lebhaften Diskussion ging es hauptsächlich um die am Panzerwerk Falkensee sichtbar gewordene enge Verflechtung von Staatsinteressen mit den Plänen und Absichten der privaten Großwirtschaft, ja der partiellen und temporären Verschmelzung der Macht des Staates mit der Macht der Industriekonzerne während des Faschismus. Andererseits, so wurde hervorgehoben, heben diese Verflechtungen und Verschmelzungen offenbar die Gesetze der privatkapitalistischen Konkurrenz nicht auf. Es wurde die Frage erörtert, ob die scheinbare Chaosgeschichte des Werkes in Falkensee typisch oder ein Ausnahmefall in der deutschen Kriegs- und Rüstungswirtschaft gewesen sei. In jedem Fall aber sei Falkensee ein eklantes Beispiel dafür, wer in welchen Größenordnungen an Krieg, Rüstung und Ausbeutung von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen profitierte, wessen Staat der Staat der NSDAP war. Immer wieder wurde auch darauf verwiesen, dass führende Industrielle und Manager des Komplexes "Falkensee" nach 1945 in der BRD strafrechtlich meist unbehelligt geblieben waren und ihre Werkskarrieren oft ungebrochen fortsetzen konnten.
Ein intensiv diskutiertes Problem war die Frage, welche Rolle das nahe gelegen KZ-Sachsenhausen für die Standortentscheidung gespielt ahtte. In diesem Zusammenhang ging es auch um das Wirtschaftsverwalungshauptamt der SS und seine Stellung in den militär-industriellen Komplexen in Nazi-Deutschland. Daneben wurden ausgiebig technische Fragen der Panzerproduktion sowie die technisch-taktischen Parameter der verschiedenen Panzermodelle erörtert.

Mit Beifall danke das Publikum dem Refernten für seinen interessanten Vortrag vor der Berliner Gesellschaft.



Martin Seckendorf

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