Verbrechen der Wehrmacht in der Sowjetunion 1941 – Ergebnisse eines sich radikalisierenden Kriegsgeschehens oder lange vor dem deutschen Überfall am 22. Juni 1941 geplanter Maßnahmen?
Eine Podiumsdiskussion mit Prof. Dr. Gerhart Hass und Dr. Klaus Jochen Arnold.


Am 10. Oktober 2006 führte die Berliner Gesellschaft ihre monatliche Vortragsveranstaltung in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in der Berliner Stauffenbergstraße als Podiumsdiskussion durch. Es sollte der wieder kontrovers diskutierten Frage nachgegangen werden, ob die von der Wehrmacht während der deutschen Aggression in der Sowjetunion massenhaft und fortgesetzt begangenen Verbrechen gegen Zivilisten und Kriegsgefangene der militärischen Situation entsprangen oder Ergebnisse des lange vor dem deutschen Überfall festgelegten Programms zur Dezimierung der Bevölkerung, insbesondere durch den Massenmord an Slawen, Juden, Roma und an allen "staatsnahen" Sowjetbürgern waren. Zu der Diskussion hatte die Berliner Gesellschaft Prof. Dr. Gerhart Hass/Rangsdorf und Dr. Klaus Jochen Arnold/Potsdam eingeladen. Prof. Dr. Dietrich Eichholtz moderierte die Veranstaltung. Die Podiumsdiskussion fand ein reges Publikumsinteresse.


Blick auf das Podium: Prof. Dr. Eichholtz, Prof. Dr. Hass, Dr. Arnold(v.l.n.r.)


Zu Beginn der Diskussion legten Dr. Arnold und Prof. Hass ihre Meinung zu dem Thema in je einem Kurzvortrag dar.
Dr. Arnold stützte sich weitgehend auf die gedruckte Version seiner Dissertation (Klaus Jochen Arnold, Die Wehrmacht und die Besatzungspolitik in den besetzten Gebieten der Sowjetunion. Kriegführung und Radikalisierung im "Unternehmen Barbarossa", Berlin 2005-Zeitgeschichtliche Forschungen, Band 23). Der Kurzvortrag von Dr. Arnold hatte folgenden Wortlaut:

Die Wehrmacht und die Radikalisierung der Besatzungspolitik in der Sowjetunion 1941/42
Einleitung

Über die Wehrmacht ist viel geschrieben worden, und manch einer mag sich mittlerweile die Frage stellen: cui bono? Die Auseinandersetzungen um die "Wehrmachtsausstellungen" des Hamburger Instituts für Sozialforschung haben aber gezeigt, daß weiterhin erhebliche Forschungsdefizite bestehen. Es geht nicht mehr um die Frage, ob die Wehrmacht an Verbrechen beteiligt war, sondern darum, wie weit die Verstrickung in die nationalsozialistische Mordpolitik ging und welchen Charakter sie hatte. Nicht die Tatbestände bieten Anlaß zum Streit, sondern ihre unterschiedliche Bewertung1. Da Missverständnisse in den vergangenen Jahren hier häufig ihren Ursprung hatten, betone ich ausdrücklich: Es geht nicht um eine Verkleinerung, Beschönigung oder gar Entschuldigung der Verbrechen, diese sind in der Forschung wie der Öffentlichkeit unbestritten. Es geht vielmehr um den Versuch, den Gründen für die Beteiligung tausender normaler Soldaten auf die Spur zu kommen, das Verhalten zu erklären, nicht schlicht zu verteufeln oder simplifizierenden Deutungen zuzuführen. Es geht um die Frage, welche Ursachen und Motive für die Beteiligung der Wehrmacht wesentlich waren. Jungen Menschen allein "nationalsozialistische Ideologie", antisemitische Überzeugungen oder den Traum von "Lebensraum im Osten" als Erklärung für das Verhalten vieler Großväter zu präsentieren, trifft oft auf Unverständnis, wie ich als Führer von Schulklassen durch die 1. Wehrmachtsausstellung feststellen konnte. Mit Blick auf die Wehrmacht, nicht auf Hitler, Himmler etc., handelte es sich eben nicht um eine lang geplante Massenvernichtung von Juden oder Slawen aus ideologischen Gründen, sondern vor allem um Krieg, und dieser von beiden Seiten mit Erbitterung geführte Krieg schuf ein Klima, in dem Massenmord zum Alltagsgeschäft "normaler Männer" werden konnte. Das bedeutet, sich intensiver, als wir es in den letzten Jahrzehnten getan haben, damit auseinander zu setzen, was Krieg bedeutet, was er aus Menschen macht. Erst hieraus werden wichtige Erkenntnisse über in heutigen Kriegen noch wirksame Zusammenhänge entspringen – ich befürchte mehr, als uns allen lieb sein kann. Ich möchte nun einige Aspekte der Radikalisierung im deutsch-sowjetischen Krieg aus Sicht der Wehrmacht vorstellen. Notwendigerweise stehen also nicht die Opfer deutscher Besatzungspolitik im Zentrum der Ausführungen, sondern die Ursprünge der Politik und Motive der Täter.

Forschungsstand
Seit den 1970er Jahren wird die deutsche Besatzungspolitik vornehmlich als Ergebnis ideologischer Vernichtungspläne vorgestellt, die bereits vor dem Angriff am 22. Juni 1941 festgelegt worden seien. Mit den verbrecherischen Befehlen, dem Kommissarbefehl und Gerichtsbarkeitserlaß, sei ein Vernichtungskrieg gleichsam programmiert worden, den die Wehrmacht – abgesehen von Friktionen - bereitwillig exekutiert hätte. Insbesondere die "1. Wehrmachtsausstellung” bestärkte dieses Bild, indem sie pauschal suggerierte, ”die Wehrmacht” sei an Verbrechen beteiligt gewesen, ohne dies angesichts von rund 18 Millionen Soldaten zu quantifizieren, die verschiedenen Formen der Verwicklung zu erläutern. Gleichzeitig wurden die militärischen Ereignisse, die Realität des Krieges an der Front und im Hinterland, die den Rahmen auch für die Besatzungspolitik abgaben, zunehmend marginalisiert. Vor dieser Ausblendung des Kriegsgeschehens, der Ablösung der Besatzungspolitik vom Ereignishorizont und einer einseitigen Hervorhebung ideologischer Motive wurde in den letzten Jahren immer häufiger gewarnt, beispielsweise durch Rolf-Dieter Müller vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt. Auch Richard J. Evans, bekannt durch seinen Auftritt im Prozess gegen den Holocaustleugner David Irving, zog eine in diesem Zusammenhang beunruhigenden Bilanz: "Seit den frühen 1990er Jahren ist die Geschichtsschreibung zum Dritten Reich nicht sachlicher, neutraler oder wissenschaftlicher geworden, im Gegenteil. Weit davon entfernt, das Thema sine ira et studio zu behandeln, zeigten Historiker eine wachsende Tendenz, die Analyse, das Argument und die Abwägung durch die moralisierende Verurteilung zu ersetzen. Die Geschichtsschreibung über Nazideutschland wurde durch die Sprache des Staatsanwalts und des Moralpredigers in erheblichem Umfang beeinflusst, fast schon geprägt."2
Auf der gemeinsamen Tagung des Instituts für Zeitgeschichte und des Hamburger Instituts für Sozialforschung in Hamburg im März 2004 zog man das Fazit, daß es künftig um das Verhältnis von "Intention" und "Situation", von Ideologie und anderen Faktoren gehen müsse.3 Diese, auf eine abschließende Bewertung zielende, Konferenz offenbarte aber auch Unterschiede bei der perspektivischen Einordnung und Bewertung von Quellen und Verhaltensweisen. Dies ließ sich bei der Einschätzung der Bedeutung von Befehlen feststellen: Betonte Ulrich Herbert, daß das Individuum im militärischen Verband seine Entscheidungsfreiheit verloren habe und die Bedeutung von Befehlen in der Forschung oft nicht richtig erfasst würde, meinten andere Teilnehmer, daß sich die militärischen Befehlshaber Hitler "untergeordnet" hätten, Soldaten seien mit "Aufgaben" konfrontiert worden. Obwohl Quellen, die über persönliche Motive und Haltungen Auskunft geben, wie Tagebücher oder Briefe, fehlen, werden nicht selten recht prägnante Urteile über das Verhalten Einzelner gefällt. Der derzeit in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte um die Verwicklung der Männer des militärischen Widerstands gegen Hitler (Henning von Tresckow u.a.) in die nationalsozialistische Mordpolitik geführte Disput entspringt hauptsächlich den unterschiedlichen Perspektiven, die zugrundegelegt werden.4 Auch die Debatten um die Ehrung verstorbener Angehöriger des Auswärtigen Amtes, um die Mitgliedschaft von Walter Jens im NSTB oder um das Bekenntnis von Günter Grass, Angehöriger der Waffen-SS gewesen zu sein, sind Beispiele dafür, wie schwierig es ist, aufgrund von nur wenigen Quellen zu eindeutigen Schlussfolgerungen über die persönliche Haltung zu gelangen.
Betrachtet man die Forschungen zur Wehrmacht, fällt weiterhin auf, daß viele Untersuchungen allein die deutsche Seite als handelndes Subjekt einbeziehen, die Kriegführung der Roten Armee kommt nur am Rande vor. Damit kein Mißverständis entsteht: auch ich habe die Rote Armee nicht systematisch untersucht, dies ist bislang gar nicht möglich, da das Archiv in Podolsk bei Moskau für die internationale Forschung weiterhin verschlossen ist; was in meiner Studie aber berücksichtigt wird und anhand einer Flut von Quellen auch gut fassbar ist, sind die Auswirkungen, die die Kriegführung der Sowjetunion auf die Besatzungspolitik der Wehrmacht hatte. Es geht also nicht um einen Vergleich der Kriegführung von Roter Armee und Wehrmacht, sondern darum, wie beispielsweise die deutschen Ausbeutungspläne durch Stalins Politik beeinflusst wurden oder etwa wie die Kampfweise der Roten Armee im Offizierkorps und der Truppe wahrgenommen wurde. Denn von zentraler Bedeutung für jede Untersuchung zur Besatzungspolitik ist der Versuch einer Einbeziehung der "Realität des Krieges", dem sie entsprungen ist. Dabei gilt es ein Phänomen zu beachten, das – mit Blick auf die Weltgeschichte, die man nicht zuletzt als Kriegsgeschichte begreifen kann, allzu schnell abgetan wird: Schon Carl von Clausewitz stellte fest, daß die Natur des Krieges von ”Wechselwirkungen” zwischen den kriegführenden Mächten bestimmt wird, die alle ”das Bestreben zum äußersten” haben.5 Diese Form der Radikalisierung war im deutsch-sowjetischen Krieg 1941 von großer Bedeutung, und ich werde mich nun auf einige wichtige Aspekte der Entwicklung konzentrieren.

Radikalisierung und Retardierung
Ende Juli 1941 meldete eine deutsche Dienststelle: "Ukrainer, Polen, Litauer und Letten begrüßen die Befreiung von der Sowjetherrschaft. Die Einstellung der Ruthenen ist unklar, aber nicht feindlich."6 Im Gegensatz zu bisherigen Feldzügen rechnete die Wehrmacht im Frühjahr 1941 damit, daß große Bevölkerungsteile der sowjetischen Republiken sie freundlich empfangen würden. Eine sich durch alle Gesellschaftsgruppen ziehende nationalistische Feindschaft, wie zwischen Deutschland und Frankreich oder Deutschland und Polen, bestand nicht. In den ostpolnischen, weißrussischen, ukrainischen und baltischen Gebieten erwartete man keine Erhebungen, erst im russischen Kernland wurde mit ”verhetzter Bevölkerung” gerechnet. Die Wehrmacht trat deshalb – allerdings mit Ausnahme der besonders in Weißrußland großen jüdischen Bevölkerungsteile - als ”Befreier vom Bolschewismus” auf, ein propagandistisch kolportiertes Ziel, dem Hitler bekanntlich niemals folgen wollte. Anders verhielt es sich mit der Truppe, die aufgrund des verwurzelten Antibolschewismus und der intensiven Propaganda zunächst an einen Befreiungsfeldzug glaubte und sich im Sommer 1941 bestätigt sah: Viele Menschen begrüßten deutsche Soldaten als Befreier vom kommunistischen Zwangssystem. Hinzu kam die Erfahrung, daß sich zahlreiche Rotarmisten freiwillig in deutsche Gefangenschaft begaben und den Widerstand, obwohl sie hiermit durch die sowjetische Regierung als ”Verräter” gebrandmarkt und ihre Familien bedroht waren, aufgaben. über das Ausmaß des Antibolschewismus und der Kooperationsfreudigkeit zeigten sich die deutschen Stellen überrascht, mitunter begeistert. Diese Einstellung der Zivilbevölkerung beeinflußte daher die Besatzungspolitik grundlegend, sie stand brutaler Ausbeutung wie rigoroser Partisanenbekämpfung entgegen und nimmt in der Wahrnehmung der Truppe eine zentrale Stellung ein. Zahlreiche Initiativen der Truppe zur besseren Versorgung oder guten Behandlung der Zivilbevölkerung entsprangen dieser Wahrnehmung.
Die Erfahrungen, welche die Wehrmacht mit der Roten Armee in den ersten Wochen des ”Unternehmens Barbarossa” machte, waren gleichwohl ambivalent. Die Kämpfe waren überaus schwer, in hohem Maße verlustreich und wurden von beiden Seiten mit Erbitterung geführt. Für die Brutalisierung der deutschen Kriegführung im Sommer 1941 waren überfälle von Truppenteilen der Roten Armee sowie Grausamkeiten, die an deutschen Soldaten begangen wurden, bedeutsam. Bei den Soldaten beider Seiten festigte sich offenbar rasch die überzeugung, daß Gefangenschaft den sicheren Tod bedeuten würde. Unter Rotarmisten verbreiteten sich nicht nur Nachrichten, daß Kommissare durch die Deutschen erschossen würden, sondern beispielsweise auch Gerüchte darüber, daß alle Marinesoldaten mit diesem Schicksal rechnen müssten. Durch die Propaganda wurde dies auf beiden Seiten massiv kolportiert, wobei Befehle Hitlers und Stalins größte "Rücksichtslosigkeit” und "Kampf bis zum Tode” forderten. Hierdurch gewannen die Kämpfe ein außergewöhnliches Maß an Härte, und die Erbitterung im Sommer 1941 ihrerseits große Bedeutung für die Brutalisierung der Besatzungspolitik. Traditionelle Hemmschwellen und völkerrechtliche Bedenken gerieten bei deutschen Soldaten zunehmend in den Hintergrund, die verbreitete Erbitterung ließ sich zudem für eine zielgerichtete Verschärfung der Methoden missbrauchen, was Hitler schon im Juli 1941 betrieb. In dem Maße, wie sich die Wehrmacht mit wachsenden Schwierigkeiten bei der Operationsführung konfrontiert sah, versuchten auch die Oberbefehlshaber die drohende Niederlage durch rigoroses Vorgehen abzuwenden. Der berüchtigte Befehl Generaloberst Reichenaus ist ein Beispiel.

"Verbrannte Erde", Partisanenkrieg und Mord an den Juden
Stalin rief am 3. Juli 1941 zu härtestem Widerstand und zur Politik der "Verbrannten Erde" auf, was ungewöhnlich erfolgreich war. über 1500 Industriebetriebe sowie Millionen von Arbeitern wurden hinter den Ural verlegt. Indem vornehmlich die arbeitsfähigen Bevölkerungsteile evakuiert wurden, konnte die Effektivität der sowjetischen Industrie in den unbesetzten Gebieten gesteigert, die Versorgung von Kindern, Frauen und alten Menschen hingegen der einfallenden Wehrmacht überantwortet werden. Bei der Wehrmacht wurde der Umfang der Zerstörungen im Sommer 1941 von verschiedenen Stellen akribisch gemeldet (Techn. Btle.). Nach diesen Berichten waren etwa in der Ukraine größere Städte wie auch alle wichtigen Industriebetriebe oder Vorratslager weitgehend zerstört, die arbeitsfähige Bevölkerung und Vorräte evakuiert worden. Hinzu kamen nun die Zerstörungen durch die Kampfhandlungen und die Plünderungen durch Verbände der Wehrmacht und die Bevölkerung. Die Brutalität, mit der Großstädte ihrer Versorgungseinrichtungen beraubt sowie Brände gelegt wurden, trug anscheinend erheblich dazu bei, daß viele Menschen die Wehrmacht als Befreier empfingen. Außerdem führte die Politik der ”Verbrannten Erde” zur Verschärfung der deutschen Besatzungspolitik. Sie bot den Protagonisten einer radikalen Ausbeutung im deutschen Apparat die Argumente, um ihre ohnehin verfolgten Ansichten mit schwer zu widerlegender Rhetorik zu unterfüttern und eine Verschärfung zu bewirken. Andererseits konstituierte sie nach wenigen Monaten der deutschen Besetzung Mangellagen, und der Hunger der Bevölkerung und der Kriegsgefangenen war später in diesen Gebieten am größten, weil hier kein Spielraum für die unteren Dienststellen mehr bestand. Nun bot die sowjetische Politik dem deutschen Besatzer gegenüber der Zivilbevölkerung wie der eigenen Truppe eine willkommene Argumentationshilfe, die zur Rechtfertigung des Hungerns von Zivilisten und Kriegsgefangenen angeführt werden konnte.
Ab Herbst 1941 gelang es der Sowjetunion, einem immer erfolgreicheren Kleinkrieg im Hinterland zu organisieren. Eisenbahnen wurden in die Luft gesprengt, Posten überfallen und – vor allem - die für die Besatzer arbeitenden Teile der Bevölkerung bedroht oder getötet. Viele Angriffe waren mit Grausamkeiten verbunden, wodurch die Reaktionen an Schärfe gewann. In der taktischen Unterlegenheit gegenüber rücksichtslosem Kleinkrieg – die deutschen Sicherungsverbände bestanden aus älteren Männern, verfügten kaum über LKW, ganz zu schweigen von schweren Waffen - lag die Keimzelle für die Brutalisierung begründet. Dies ist offenbar ein zeitloses Phänomen, das schon im spanischen Guerillakampf gegen die napoleonischen Truppen 1807 zu verzeichnen war und noch heute, man denke an manche Aspekte der Kriegführung im Irak zu beobachten ist. Anfang Juli 1941 wurden erste Befehle gegen Sorglosigkeit erlassen, die ”harte Maßnahmen” verlangten und durch Hitler, das OKW und auch das OKH zielgerichteter Brutalisierung unterlagen. Gleichzeitig erinnerten das OKH und viele Befehlshaber zwiespältig daran, die Zivilbevölkerung ”ordentlich” zu behandeln, weil sich die Zahl von Exzessen häufte, die angesichts der freundlichen Einstellung der Bevölkerung kontraproduktiv erschienen. Sowohl ”Kommunisten” als auch die jüdische Bevölkerung wurden hingegen mißbraucht, um einer Brutalisierung der Truppe entgegenzutreten und Rachegefühle bei Kollektivmaßnahmen auf diese sogenannten ”unerwünschten Bevölkerungsteile” zu lenken. Deshalb ist die Wehrmacht für die Verschärfung des Klimas, das den Mord an den Juden und Unterstützung durch Wehrmachtdienststellen ermöglichte, in hohem Maße verantwortlich. Immer systematischer wurden Juden als Partisanen verfolgt, Tausende als vermeintliche Partisanen erschossen.

Ausbeutung und Behandlung der Kriegsgefangenen
Ein anderes Bild ergibt sich hinsichtlich der Rolle der Wehrmacht bei der wirtschaftlichen Ausbeutung, für die nicht die Wehrmacht, sondern eine eigens unter Görings Leitung geschaffene Organisation zuständig war. Einen allgemeingültigen ”Hungerplan” gegenüber der Zivilbevölkerung oder den Kriegsgefangenen, wie ihn Christian Gerlach in seinem Band über Weißrußland postulierte, gab es nicht; sehr wohl aber radikale Konzepte des Staatssekretärs Herbert Backes und anderer. Im Vertrauen auf einen schnellen Sieg sollten diese jedoch erst nach Abschluß des Feldzuges umgesetzt werden, und die Wehrmacht hatte kein Interesse daran, daß die Bevölkerung hungerte, weil ihre Einstellung zum Besatzer verschlechtert und sie in die Arme der Partisanen getrieben werden mußte. Der Realisierung einer rigorosen Ausbeutungspolitik, um die sich Hitler, Göring und Backe im Sommer 1941 bemühten, standen daher auf allen Ebenen Widerstände entgegen, und die Ausbeutung des Landes wurde mit wechselnden Prioritäten betrieben, abhängig von der Befehlslage, den angetroffenen Bedingungen und regionalen Versorgungslagen. Schon im Sommer setzten sich Befehlshaber für eine bessere Behandlung der Bevölkerung ein. Mit wachsenden Transportproblemen und wegen der systematischen Zerstörungen der Roten Armee wurde der Truppe aber eine Intensivierung der Ausbeutung befohlen, die ihre Rücksicht gegenüber der Zivilbevölkerung ablegen sollte. Mit der katastrophalen Entwicklung im Winter gerieten zahlreiche Einheiten außer Kontrolle, die willkürlich requirierten, was mit drakonischen Befehlen unterbunden werden sollte. Dabei ging es für die Wehrmacht im Winter 1941/42 aber keineswegs um eine unwesentliche Reduzierung der eigenen Rationen, sondern um die Frage, ob eine Versorgung in der Krise überhaupt aufrechtzuerhalten war. Unter diesen Bedingungen konnten selbst ”wertvolle” Arbeitskräfte – ich untersuchte dies am Beispiel Charkows - kaum ernährt werden, von Gefangenenlagern und der Stadtbevölkerung ganz zu schweigen. Im Winter 1941/42 stand die Wehrmacht am Rande einer Niederlage, Soldaten hungerten, Hunderttausende zogen sich Erfrierungen zu, die Gefechtsstärken sanken drastisch, eine Panzerdivision verfügte bspw. über einen einzigen einsatzbereiten Kampfwagen, Regimenter standen unter der Führung von Leutnanten, Soldaten mussten mit Maschinenpistolen zum Angriff getrieben werden. In diese Zeit fiel das massenhafte Sterben sowjetischer Kriegsgefangenen. Die wesentlichen Ursachen liegen in der Entwicklung des Feldzuges, an erster Stelle dem Zusammenbruch der Transportorganisation begründet. Berichte von Formationen, die über eine Million Gefangene abtransportierten, zeigen, daß der Abtransport und die Versorgung geregelt sowie Maßnahmen ergriffen wurden, um Erschießungen von Erschöpften oder unzureichende Ernährung abzustellen. Mit Entlassungen, dezentraler Unterbringung und Ausdehnung des Arbeitseinsatzes wurde versucht, dem Massensterben entgegenzutreten, was an den mörderischen Zuständen vor Ort allerdings zumeist nichts änderte. Hellmuth Stieff, Angehöriger des Widerstandes gegen Hitler, schrieb an seine Frau: "Es ist schon besser, die Bevölkerung verhungert und erfriert als wir. Man wird entsetzlich roh, denn gut 95% der Bevölkerung ist anständig und vertrauensselig. Aber es geht für uns hier um die nackte Existenz. Ein großer Teil unserer seit fünf Monaten im Kampf stehenden Truppe ist eben am Ende der physischen Leistungskraft angekommen." 7

Fazit
Die Besatzungspolitik der Wehrmacht war nicht das Resultat feststehender und ideologisch begründeter Vernichtungspläne, sondern Ergebnis einer kontinuierlichen Radikalisierung, die zum Katalysator für die Verbrechen des Regimes avancierte. Für die Verwicklung der Wehrmacht waren die militärischen Operationen, die sich verschlechternde Nachschub- und Transportlage, Stalins Politik der ”Verbrannten Erde”, die Entfesselung eines Partisanenkrieges im Rücken der Front, die Härte der Kämpfe sowie die Verschärfung des Klimas durch Verbrechen und Propaganda wesentlich. Eine mit den verbrecherischen Befehlen von Hitler avisierte Brutalität setzte sich im Sommer 1941 durch die wechselseitige Erbitterung teilweise durch, was sich mit Blick auf die Wehrmacht allerdings nicht aus übereinstimmung mit "ideologischen Vernichtungsplänen” speiste. Die Wehrmacht führte zwar keinen zielgerichteten ”Vernichtungskrieg” gegen Zivilisten und Kriegsgefangene, viele Einheiten befolgten jedoch den Kommissarbefehl und erschossen Juden als Partisanen. Zudem wurde der Massenmord der Einsatzgruppen der Sipo und des SD an den jüdischen Bevölkerungsteilen und jüdischen Rotarmisten hingenommen, von nicht wenigen Stellen aus eigener Initiative unterstützt. Die Ursachen und Motive waren allerdings vielfältig, die übereinstimmung mit nationalsozialistischer Ideologie war dabei ein Aspekt unter vielen, und meiner Ansicht nach führt die in den vergangenen Jahren zu beobachtende Konzentration der Forschung auf diesen Aspekt in die Irre: Mit der Konzentration auf die vermeintliche Bedeutung einer "nationalsozialistischen Ideologie" trat das in den Hintergrund, was auch heute von größtem Interesse ist: wie verhalten sich Menschen, wie Organisationen in Kriegen, was macht Krieg aus ihnen. Erst die abwägende Einbeziehung der grausamen Realität des Krieges wird auch Aufschluß über die wirkliche Bedeutung der Ideologie liefern können. Blickt man auf die Forschungslage, so sollte die Besatzungspolitik deshalb unter vergleichenden Aspekten untersucht werden. Denn, ich zitiere: "Unvergleichlichkeit (...) ließe sich gar nicht anders ausfindig machen als durch beharrliches Vergleichen."8 Notwendig wäre ein Vergleich deutscher Politik in verschiedenen Feldzügen, außerdem komparative Studien zu Verbänden der Wehrmacht, der SS und Polizei. Auch das gewichtigste Manko der Forschungslage, der fehlende Vergleich zwischen den Armeen verschiedener Nationen im Zweiten Weltkrieg wie in anderen Konflikten, könnte mittels komparativer Studien behoben werden. Die Militärgeschichtsforschung braucht zudem mehr Bereitschaft, sich zu streiten, ganz im Sinne der Erkenntnis, daß allein die Kontroverse die Forschung befeuert. Mit Hans-Georg Gadamer müsste man wohl hinzufügen, daß ein Dialog erst ein Dialog ist, wenn die Möglichkeit einbezogen wird, daß der Kontrahent Recht haben könnte.

Danach trug Prof. Dr. Hass sein Kurzreferat vor, das ebenfalls im Wortlaut wiedergegeben wird:

Die Wehrmacht und die Radikalisierung der Besatzungspolitik in der Sowjetunion 1941/42
Dr. Arnold hat dargelegt, dass der mit der Aggression der deutschen Wehrmacht am 22. Juni 1941 begonnene Krieg gegen die Sowjetunion vom ersten Tag an mit Erbitterung geführt wurde. Er schuf, wie mein Vorredner formulierte, "ein Klima, in dem Massenmord zum Alltagsgeschäft `normaler Männer´ werden konnte". Nachdenklich stimmend hat Koll. Arnold darauf hingewiesen, dass aus dem Geschehen vor 60 Jahren Erkenntnisse gezogen werden könnten, die angewandt auf heutige und zukünftige Kriege – und das ist meine Formulierung – uns das Grausen beibringen könnten.
Unser Thema "Eskalation der Gewalt und der Verbrechen, einschließlich der Radikalisierung der deutschen Besatzungspolitik im deutsch-sowjetischen Krieg" hat Dr. Arnold – ausgehend von seiner Dissertation und seinem fast 600seitigem Buch im Großen und Ganzen im zeitlichen Rahmen der ersten sechs Kriegsmonate - Juni bis Dezember 1941 - behandelt.
Außerdem beschränkte er sich auf das Geschehen bei den Heeresgruppen Mitte und Süd. Die Fülle dargelegter Fakten und Beweise aus den Akten der Wehrmacht rechtfertigt diesen zeitlich begrenzten Rahmen, zumal für eine Dissertation. Dieses Herangehen führt allerdings dazu, dass viele Fragen offen bleiben. Denn die Gewalttätigkeiten der ersten sechs Kriegsmonaten traten in den Jahren 1942 bis Mitte 1944 potenziert auf, eskalierten flächendeckend, als in den rückwärtigen Heeresgebieten und den "Reichskommissariaten" Ostland und Ukraine ein relativ fest gefügtes deutsches Besatzungsregimes mit den Kommandanturen der Wehrmacht und der Befehlsgewalt von Organen der SS, des SD, der Polizei, der Wirtschaftsstäbe usw. existierte und den Raub von Rohstoffen und Lebensmitteln, die Verschickung der Zwangsarbeiter nach Deutschland, den Massenmord an Juden, Kommunisten, Partisanen organisierte. Die meisten Leningrader fanden 1942/43 in der belagerten Stadt den Tod oder erlitten gesundheitliche Schäden, die ihr Leben verkürzten. Schließlich kam es beim deutschen Rückzug 1944/45 zu einer Vielzahl von Gewalttaten und Verbrechen. Während im besetzten Polen schon ab September 1939 die Vernichtungspolitik begann erfolgte die Eskalation der Gewalt der deutschen Besatzer in Jugoslawien, Griechenland, Frankereich usw. ab 1942/43 – Ortsnamen wie Lidice und Oradour stehen für diese Gewaltherrschaft in den letzten Kriegsjahren.
Zurückkommend auf die uns heute vorrangig beschäftigende erste Kriegsperiode im Osten muss bei der Bewertung des Geschehens berücksichtigt werden, dass das Verteidigungskonzept der, zudem nicht vorbereiteten und in Alarmbereitschaft versetzten Roten Armee ein Fiasko erlitt; Hunderttausende Rotarmisten gerieten führungslos in deutsche Kriegsgefangenschaft. Die Bevölkerung – im rund 300 km tiefen Grenzgebiet, was etwa die Hälfte des im Mittel- und Südabschnitt von der Wehrmacht 1941 eroberten sowjetischen Gebiets ausmachte - war nach 19 Jahren polnischer Staatsangehörigkeit erst seit 20 Monaten zu sowjetischen Staatsbürgern geworden. Deshalb bedürfen alle Wertungen über die "Deutschfreundlichkeit" der Bewohner dieser Gebiete, die die Wehrmacht als "Befreier vom Bolschewismus" begrüßten, worüber bei Koll. Arnold die Rede ist, einer vielseitigeren Analyse, als dies hier geschehen kann. Eine Gleichsetzung zwischen ihnen und den Sowjetbürgern im alt-belorussischen, alt-ukrainischem oder gar urrussischem Raum verbietet sich von selbst.
Hervorheben möchte ich, dass ich eine gute Grundlage für unsere Debatte in der Feststellung von Koll. Arnold sehe, dass es in der Diskussion – und auch in seinem Buch – nicht um die Frage gehe, ob die Wehrmacht an Verbrechen beteiligt war, und nicht darum diese zu verkleinern, zu beschönigen oder gar zu entschuldigen, was einige Rezensenten von Arnolds Buch angenommen haben. Nach seinen eigenen Aussagen geht es ihm, wie er soeben ausgeführt hat, darum, wie weit die Verstrickung der Wehrmachtsangehörigen, vom General bis zum Soldaten, in die "n-s Politik" – deren Ideologie und Kriegsziele – ging und
welche Ursachen und Motive Hunderttausende Soldaten, vor allem aber die höheren Offiziere beim Erlassen und Durchführen verbrecherischer Befehle und Handlungen bewegten.
Diese Fragestellung hat es Jahrzehnte nur selten in der bundesdeutschen Geschichtsschreibung, schon gar nicht in der Justiz bei der Verfolgung von Kriegsverbrechen, gegeben. Das Leugnen und Rechtfertigen der grausamen Kriegführung der Wehrmacht stand im Vordergrund, die Schuld für die Eskalation der Gewalt wurde vor allem dem Gegner, der Roten Armee zugeschoben. Dazu einige Bemerkungen später. Auch heute sind noch neue Bücher und Schriften dieser Art, z.B. das 2005 erschiene Buch von Andreas Naumann "Freispruch für die Wehrmacht" auf dem Markt. Im Großen und Ganzen hat aber seit den verschiedenen Ertappen des "Historikerstreits", infolge der Auseinandersetzungen über den Völkermord an den europäischen Juden und nicht zuletzt seit der Ausstellung des Hamburger Instituts über die Verbrechen der Wehrmacht in den Jahren 1941 - 1944 ein Umdenken in der BRD stattgefunden. Sinnfälliger Ausdruck dafür ist, dass es das Holocaust-Mahnmal in Berlin gibt. Nur angemerkt sei, dass die in der DDR herrschende Ideologie,
einschließlich der Geschichtsschreibung, Kriegsverbrechen der Wehrmacht und der deutschen Besatzungsorgane immer verurteilte. Das wurde aber von der bundesdeutschen Geschichtsschreibung offiziell nicht wahrgenommen oder abgelehnt. Manche heutige Erkenntnisse lassen sich durchaus in Publikationen der DDR, oft schon aus den 60er und 70er Jahren, nachlesen.
Unsere heutige Diskussion findet in einer Situation statt, in der sich neben Koll. Arnold auch andere Historiker der detaillierten Aufhellung der durch die Wehrmachtsausstellung fokussierten Problematik zugewandt haben. Sozusagen im Nachgang zu den die Wehrmachtsausstellung vorbereitenden, begleitenden und auswertenden Büchern von Andrej Angrick, Christian Gerlach, Hannes Heer, Klaus Naumann u.a., untersuchen die neuesten Arbeiten ebenso wie Arnold wichtige Themenkomplexe: So Jochen Böhler den Vernichtungskrieg in Polen, Johannes Hürter die Rolle der deutschen Wehrmachtsbefehls- haber 1941/42. Christian Hartmann versucht sich in seinem Buch an einer Bilanz der Debatte über die Verbrechen der Wehrmacht. Manfred Messerschmidt bringt in zwei Wochen sein Buch "Militarismus – Vernichtungskrieg - Geschichtspolitik", eine Sammlung früherer und neuer Schriften auf den Markt. Viele auch von Arnold angeschnittene Probleme stehen also heutzutage zur Debatte. Auch deshalb begrüße ich es, dass die "Berliner Gesellschaft ..." das Thema heute auf die Tagesordnung gesetzt hat.
Zu den Thesen Arnolds, die bei mir die meisten Einwände hervorrufen, gehört die Gegenüberstellung der angeblich von der Geschichtsschreibung überbewerteten "ideologischen", schon vor dem Kriege entwickelten "Vernichtungspläne" Hitlers, Görings usw. einerseits und der Vorwurf, das Kriegsgeschehen selbst ausgeblendet, die Realität des Krieges, die den Rahmen für die Besatzungspolitik lieferte, ins Abseits geschoben, "marginalisiert" zu haben.
Es stellt sich doch die Frage, ob rd. drei Millionen deutsche Offiziere und Soldaten, die am 22. Juni 1941 in die Sowjetunion einfielen, zu ihren bald einsetzenden Gewalttaten und Verbrechen durch die "Realität" des Krieges veranlasst wurden, nämlich die schweren, verlustreichen Anfangsschlachten und – wie es Arnold formuliert hat – "durch die überfälle von Truppenteilen der Roten Armee sowie Grausamkeiten, die an deutschen Soldaten begangen wurden", oder ob es bei den deutschen Truppen, im Bewusstsein, im Kopf der deutschen Offiziere und vieler Soldaten seit längerem anerzogene und gefestigte Feindbilder vom Russen – vom Bolschewisten, vom jüdischen Kommissaren dienenden "Untermenschen" gab? In einem unserer Vorgespräche stimmte Herr Arnold der Berechtigung dieser Fragestellung zu, verwies aber darauf, dass diese Problematik ebenso wie die Vorgeschichte des deutsch-sowjetischen Krieges nicht Gegenstand seiner bisherigen Forschung war.
Meiner Meinung nach besteht aber zwischen der Vorgeschichte des Krieges, dem Erarbeiten der Pläne für eine Revanche mittels eines neuen Krieges, der materiellen Aufrüstung und der ideologischen Kriegsvorbereitung durch Propaganda und Erziehung und dem Handeln der Wehrmachtsangehörigen im Kriege ein direkter Zusammenhang. Presse, Film und Funk, Schule, Hochschulen, paramilitärische Organisationen und später die Hitlerjugend haben insbesondere das Bewusstsein der Jahrgänge geprägt, die ab 1938/39 in den Weltkrieg zogen.
Der deutsche überfall auf die Sowjetunion kam doch ebenso wenig wie der Angriff auf Polen wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Ihre Vorgeschichte reicht bis in jene Tage zurück, in denen das kaiserliche Hauptquartier 1918 die deutsche Niederlage eingestehen musste. Der Versailler Vertrag wurde für viele Angehörige der weiterhin herrschenden politischen, wirtschaftlichen und militärischen Kreise Deutschlands zur Geburtsstunde der Absicht, aus dem "kommenden Krieg" als Sieger hervorzugehen. Hans von Seeckt, Chef der Heeresleitung erklärte 1922: "Polens Existenz ist unvereinbar mit den Lebensbedingungen Deutschlands. Es muss verschwinden und wird verschwinden." ähnlich äußerungen über Sowjetrussland gab es en masse. Der führende Wehrpsychologe Albrecht Blau orientierte schon 1937 auf einen Vernichtungskrieg, als er schrieb, es gehe beim Kampf gegen die Sowjetunion "um Weltanschauungen, die miteinander unvereinbar sind und nur die Frage des Seins oder Nichtseins zulassen." Derselbe Blau hatte schon 1935 in seiner Schrift "Propaganda als Waffe" gefordert, die "Urtriebe" des deutschen Soldaten "anzusprechen und in Erregung zu halten, um jede Betätigung des Verstandes aber, die kritische Stellungnahme und das eigene Urteilsvermögen auszuschließen." Zur selben Zeit verkündete nicht nur Exgeneral Erich Ludendorff, der "kommende Krieg" müsse ein "totaler" und ein "Blitzkrieg" sein. General der Infanterie Joachim von Stülpnagel, Chef des Heerespersonalamts im Reichswehrministerium erklärte schon 1922 über die künftige Kriegsführung: "Ein auf das äußerste zu steigernder nationaler Hass darf vor keinem Mittel der Sabotage, des Mordes und der Verseuchung zurückschrecken."
Weitere Beweise für die bewusste Vorbereitung eines grausamen, mörderischen Krieges, z. B. Analysen verschiedener Kriegsspiele, durch die Reichswehr- und Wehrmachtsführung muss ich mir aus Zeitgründen versagen. Angemerkt sei nur, dass in dieser Beziehung zwischen der Generalität sowie Hitler und seinen Parteigenossen übereinstimmung herrschte. Mir geht es bei diesen Ausführungen darum klarzustellen, dass es zwischen den von Koll. Arnold benannten "ideologischen Vernichtungsplänen" Hitlers, Himmlers, Görings, Backes usw. und den Vorstellungen der hohen Militärs vom Krieg der Zukunft keine prinzipiellen Unterschiede gab. Allen Versuchen, grundsätzliche Gegensätze zwischen den Militärs und der Hitlerführung zu konstruieren sei der 1938 gedruckte Satz von Wilhelm Canaris in Erinnerung gerufen: "Je mehr wir uns mit dem nationalsozialistischen Gedankengut vertraut machen, um so mehr werden wir feststellen, dass es in Wahrheit echt soldatische Gedankengänge sind." Diesen überlegungen vorangegangen war – nur vier Tage nach seiner Berufung zum Reichskanzler 1933 – das Treffen Hitlers mit den Befehlshabern von Heer und Marine, bei dem er als ein Ziel seiner Regierung "die Eroberung neuen Lebensraums im Osten und dessen rücksichtslose Germanisierung" voraussagte. Bis zum Juni 1941 hörten die Generale solche Worte noch mehrmals, steigerten sich seine Aufforderungen zu einer brutalen Kriegsführung ... und blieben immer unwidersprochen.
Im Gegenteil: Der General z.b.V. im OKH, Generalleutnant E. Müller, erklärte bei der Einweisung der für die Abwehr zuständigen Ic-Offiziere und die Heeresrichter am 11. Juni 1941: "Einer von beiden Feinden muss auf der Strecke bleiben; Träger der feindlichen Einstellung nicht konservieren, sondern erledigen."
Ohne eine genügende Berücksichtigung des Faktors ideologische Erziehung und Vorbereitung der deutschen Wehrmacht auf den Vernichtungskrieg – vor allem in Polen und der Sowjetunion – kann all das, was durch die Realität des Krieges, die beiderseitige unerbittliche Härte im Kampf an Brutalität und Verbrechen geschah, können die Ursachen und Motive für die "Verstrickung", besser gesagt die Teilhabe und Schuld Hunderttausender Deutscher nicht analysiert, bewertet und schon gar nicht erklärt werden.
Zum Komplex "Realität" des Krieges, zur Beantwortung der Frage: "Wofür zog die Wehrmacht ´gen Osten?" gehört schließlich das Kriegsziel, die eroberten Gebiete wirtschaftlich auszubeuten. Dabei ging es auch um Ideologie, aber eben jene für kapitalistische Eigentums- und Profitinteressen eintretende. Man kann das alles im Detail in Dietrich Eichholtz` "Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft" in vielen anderen DDR-Publikationen und nicht zuletzt in den entsprechenden Bänden der Reihe "Europa unterm Hakenkreuz" nachlesen.
Entgegen der Aussage Arnolds "Die Besatzungspolitik der Wehrmacht war nicht Resultat feststehender und ideologisch begründeter Vernichtungspläne, sondern Ergebnis einer kontinuierlichen Radikalisierung" und der Feststellung in seinem Buch (S. 187) "Die brutalen Methoden zur Sicherung und wirtschaftlichen Ausbeutung ... waren der Masse der Militärs ebenso verborgen geblieben, wie die jetzt geplante Behandlung der Bevölkerung" gibt es genügend Beweise für die Mitwirkung und Kenntnis der Wehrmachtsführung bei der Ausarbeitung der deutschen Pläne. Das gilt bezüglich der "Amtsgruppe Wehrwirtschaft", die ab September 1939 "Wehrwirtschafts- und Rüstungsamt" hieß, der General Georg Thomas vorstand, als auch für solche Institutionen, wie den "Wirtschaftsstab z.b.V. Oldenburg". In dessen mit dem Datum 23. Mai 1941 versehenem Dokument findet sich – bezogen auf Russlands "Waldzone", d.h. den gesamten Nordwesten und Norden, die Zielstellung, dieses Gebiet zu deindustrialisieren, die Landwirtschaft auf die Hauswirtschaft zu reduzieren. Als Folge wurde in dem Dokument vorausgesagt: "Die Bevölkerung der Städte wird größter Hungersnot entgegensehen". Weiter heißt es dort, die Konsequenz sei "ein Absterben sowohl der Industrie wie eines großen Teils der Menschen."
Angesichts solcher klarer Aussagen muss ich auch der Aussage von Koll. Arnold widersprechen, es habe keinen deutschen "’Hungerplan’ gegenüber der Zivilbevölkerung und den Kriegsgefangenen gegeben."
In diesem Zusammenhang möchte ich einige Bemerkungen zur Frage der Bezeichnung und dem zeitlichen Rahmen des "Barbarossa-Unternehmens" machen. Wie viele andere Historiker auch schreibt Arnold über ein "Unternehmen Barbarossa", das – wie es auf S. 11 seines Buches heißt - "mit der Niederlage vor Moskau endete". Blickt man jedoch in die Weisungen Hitlers und des OKW so hat es nie ein "Unternehmen" Barbarossa , sondern nur den "Fall Barbarossa" gegeben. Alle mit dem Wort "Fall" bezeichneten Feldzüge – "Weiß" (Polen), "Gelb" (Frankreich), "Weserübung" (Dänemark und Norwegen) – beinhalteten immer die vollständige Zerschlagung und Besetzung des Landes. Daneben gab es die verschiedensten, immer begrenzten "Unternehmen" und "Operationen" mit und ohne Decknamen. Von einem "Unternehmen Barbarossa", das bis zum Jahresende 1041 dauern sollte, ist in der "Weisung Nr. 21: Fall Barbarossa" nicht die Rede. Es ging einzig und allein darum, "Sowjetrussland in einem schnellen Feldzug niederzuwerfen." Die Niederlage bei Moskau bedeutete zwar das Scheitern des "Blitzkrieges" aber keineswegs das Ende des "Falls Barbarossa", das kam erst 1944/45.
Der letzte Teil meiner Ausführung bezieht sich auf Koll. Arnolds Darlegungen über die Rolle der sowjetischen Kriegsziele, insbesondere die Stalin-Rede vom 3. Juli 1941, für die Eskalation der beiderseits grausamen Kriegsführung.
Im Unterschied zu den lange vor dem deutschen überfall auf die Sowjetunion von zivilen und militärischen Stellen formulierten Kriegszielen gehört es zu den gesicherten Erkenntnissen, dass die politische Führung der Sowjetunion und das Volkskommissariat für Verteidigung vor dem 22. Juni 1941 keine Pläne für einen Eroberungs- und Raubkrieg gegen Polen, Deutschland, Westeuropa oder asiatische Länder schmiedeten. Als nach langen Krisenjahren ein Aufholprozess bei der Aufrüstung und der Ausbildung der Roten Armee erfolgte, wurde er durch die stalinistischen "Säuberungen", insbesondere der Jahre 1937 bis 1939, die den Offiziersbestand dezimierten, wieder zunichte gemacht.
Bis Juni 1941 blieb die sowjetische Militärdoktrin gültig, die keinen militärischer Erstschlag sondern die Vorbereitung für einen Gegenschlag vorsah, der dann ins Territorium des Aggressors führen und ihn vernichten sollte. Zwar gab es angesichts der sich zuspitzenden Lage in Europa neue Entwürfe für den sowjetischen Aufmarsch, zuletzt von Timošenko und Žukov vom 15. Mai 1941, sie traten aber nie in Kraft. Auch die durch Vereinbarungen mit der Hitlerregierungen hinzugewonnenen Gebiete Ostpolens, der baltischen Staaten und des im Winterkrieg gegen Finnland eroberten Raums vor Leningrad wurden nicht genügend für die Kriegsvorbereitung genutzt.
Es ist also davon auszugehen, dass die Sowjetunion im Gegensatz zu Deutschland vor dem 22. Juni 1941 keine Vorbereitungen für eine Aggression, und schon gar nicht für einen Raub- und Vernichtungskrieg und die Annexion fremder Territorien traf.
Alle Befehle zum entschiedensten Widerstand gegen den deutschen Aggressor erfolgten nach dem Beginn der Kampfhandlungen. Dass trifft besonders auf die Rede Stalins vom 3. Juli 1941 zu, dem die 12-tägigen Erfahrungen mit den massiven Schlägen der Wehrmacht vorausgegangen waren. Kein Befehl oder Kriegsplan der sowjetischen Regierung und der Roten Armee enthielt gegenüber Deutschland rassistische Vernichtungs- oder Raubabsichten, die mit denen der Hitlerregierung, der Wehrmachtsführung, der SS und der raubgierigen Wirtschaft vergleichbar wären.
Die von der UdSSR sofort umgesetzte sehr harte Verteidigungsstrategie, nämlich die Zerstörung der eigenen Industrie, landwirtschaftlicher Produktionsstätten. Der Verkehrsmittel und –wege, die Vernichtung aller nicht abtransportierbarer Vorräte, die größtmögliche Evakuierung der Bevölkerung der bedrohten Gebiete traf zuerst die eigene Bevölkerung. Die Maßnahmen zur Verhinderung der Kollaboration Einheimischer, insbesondere in den erst kurze Zeit zur Sowjetunion gehörenden Gebieten sowie die Organisierung des Partisanen- und Widerstandskampfes gegen den Aggressor und Besatzer waren ebenso wie harte Maßnahme der Regierung, der Kommunistischen Partei, des NKWD und der Roten Armee gegen Sowjetbürger, die fahnenflüchtig geworden, in deutsche Kriegsgefangenschaft gerieten, waren durch sowjetische Gesetze, zumeist auch durch das Völker- und Kriegsrecht gedeckt. Auch die Vielzahl von Hinrichtungen und Verurteilungen sowjetischer Staatsbürger, durch sowjetische Militär- und Sondergerichte von Sowjetbürgern die in den besetzten Gebieten gezwungen, teilweise auch freiwillig, als Dorfstarosten, Hilfspolizisten, Hilfswillige, Transport- und Straßenbauarbeiter usw. tätig wurden, waren hart, ja grausam sind aber nicht mit dem Terror und Mord der deutschen Aggressoren gegen Sowjetbürger, gegen sowjetische Kommunisten, Juden, Parteifunktionäre, Partisanen, Saboteure usw. vergleichbar, sollten nicht als eine Ursache – neben anderen - des gegenseitigen Hochschaukelns beim Vernichtungskrieg gewertet werden.
Meine Redezeit ist abgelaufen. Sie war knapp bemessen. Zwangsläufig standen die Unterschiede zum Vorredner im Vordergrund. Wie schon in meiner Rezension will ich aber nochmals hervorheben, dass Dr. Arnold eine sehr arbeitsaufwändige, akribische Forschung über das Geschehen an der deutsch-sowjetischen Front in dem von ihm gewählten Raum und Zeitbereich betrieben hat. Was man aus Dokumenten der Wehrmacht dazu erfahren kann, werden wir künftig bei ihm nachlesen. überdenken wird Koll. Arnold, so meine ich, bei seiner zukünftigen Arbeit so manches, was bisher und in der Diskussion am heutigen Tage zu einigen seiner Wertungen gesagt worden ist und noch wird. Im 17. Jahr, in dem es wieder nur einen deutschen Staat gibt, sollten Debatten wie die heutige, zwischen Menschen, Historikern völlig unterschiedlicher Lebensläufe und Erfahrungen, zu einer Selbstverständlichkeit werden.

In der sich an die Kurzvorträge anschließenden, sehr lebhaften Diskussion standen folgende Probleme im Mittelpunkt:
Zu Beginn der Diskussion wandten sich Diskussionsteilnehmer gegen die Vokabel, die Wehrmacht sei in die Verbrechen "verstrickt" gewesen. Der Begriff verdecke die Rolle der Wehrmacht bei der Vorbereitung und Durchführung des Eroberungs- und Vernichtungskrieges. Sie war das Hauptinstrument zur Durchsetzung und Absicherung der Pläne gegen die UdSSR, sie war das Hauptsubjekt dieses Krieges, wurde mehrfach betont. Daran anschließend kam es zur Diskussion über das Problem, ob die von allen Rednern und Diskussionsteilnehmern als erwiesene Tatsache gewerteten fortgesetzten Massenverbrechen der Wehrmacht nicht nur Ergebnisse der längerfristigen Planungen und Ziele der deutschen Machthaber waren, sondern sich auch aus der Entwicklung der militärischen Lage ergaben. Es ging hier um das Verhältnis von Intention und Situation bei den Ursachen für die Untaten. In diesem Zusammenhang wurde auf den Charakter der Aggression gegen die UdSSR als ein von Anfang an "anderer Krieg" hingewiesen. Allen führenden Militärs bis auf die Befehlshaber- und Kommandeursebene sei vor Beginn des überfalls klar gewesen, dass dieser Feldzug ein "anderer Krieg" werden würde, dass die exorbitanten Eroberungsziele, die Anlage der Aggression als Eroberungs- und "weltanschaulicher Vernichtungskrieg" und die Planung als "Blitzkrieg" besondere Methoden verlangten, die zu großen Teilen in einem detaillierten Befehls- und Weisungssystem schon vor dem 22. Juni festgeschrieben worden waren. Es wurde darauf hingewiesen, dass die antikommunistische und rassistische Indoktrination der deutschen Soldaten, die Erziehung zum Herrenmenschen in Rechnung zu stellen sei. Außerdem müsse man die Tatsache berücksichtigen, dass das Leben von Juden, Kommunisten und anderen als "unerwünscht" stigmatisierten Menschen seit 1933 in Deutschland nur geringen Wert hatte, dass Menschenvernichtung als Problemlösung ein gebräuchliches Mittel geworden war. Mit massenhafter Vernichtung von "unerwünschten" Menschen wollte man nicht nur die Beseitigung der "staatsnahen" Sowjetbürger, der "weltanschaulichen Feinde" erreichen, sondern auch die ökonomischen und bevölkerungspolitischen Ziele befördern. Bei den Militärs habe sich zudem durchgesetzt, massenhafte Vernichtung von Zivilisten als militärisch-taktisches Mittel zur Einschüchterung der Bevölkerung und zur Bekämpfung von Widerstandsbewegungen, zur Liquidierung tatsächlicher oder potentieller Gegner anzuwenden, wie die Befehle über kollektive Gewalt aus der Zeit vor dem 22.6. und das Verhalten der Wehrmacht nach Beginn der Aggression gegen die Sowjetunion, aber auch z.B. in Jugoslawien zur Niederschlagung des Volksaufstandes im Herbst 1941 zeigten. In diesem Zusammenhang wurde erwähnt, dass führende Militärs in ihren Verteidigungsstrategien nach 1945 eine "radikalisierte Situation" als Entschuldigung für ihr völkerrechtswidriges Vorgehen während des Krieges benutzten. Einige Diskussionsredner wiesen darauf hin, dass bei der Bearbeitung des Themas die Historiografie in der DDR zahlreiche Arbeiten vorgelegt hat, die in der etablierten Geschichtsforschung der heutigen Bundesrepublik vielfach nicht zur Kenntnis genommen werden.
Mit herzlichem Dank an die beiden Redner endete die interessante Veranstaltung.



Martin Seckendorf

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