Wigbert Benz: Paul Carell, Der Kriegspropagandist. Vom "Präventivkrieg" der Wehrmacht zum "Ernstfall" der Bundeswehr.


Zu ihrer Veranstaltung am 11. April 2006 hatte die Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung Wigbert Benz aus Karlsruhe eingeladen und ihn gebeten, einen Vortrag über den Sprecher des Ribbentrop AA und späteren bundesdeutschen Erfolgsautors Paul Karl Schmidt alias Paul Carell zu halten. Bei dem Vortrag im gut gefüllten Saal der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in der Berliner Stauffenbergstraße stützte sich Wigbert Benz weitgehend auf seine 2005 erschiene Monografie mit dem Titel: Paul Carell. Ribbentrops Pressechef Paul Karl Schmidt vor und nach 1945, Wissenschaftliche Verlag Berlin.

In seinen Ausführungen gab Wigbert Benz zunächst einen
Überblick zu Person und Wirken
Paul Karl Schmidt, schon als Abiturient NSDAP-Mitglied, wurde 1940 mit noch nicht einmal 29 Jahren jüngster Ministerialdirigent des Regimes, Abteilungsleiter und Pressechef des Auswärtigen Amtes. 1944 schlug er vor, Juden in Budapest Sprengstoffe und Umsturzpläne unterzuschieben. Damit sollten die Deportationen vor der Auslandspresse propagandistisch gerechtfertigt werden. In den 60er Jahren wurde er als Beststellerautor Paul Carell mit drei Millionen Büchern zum 2. Weltkrieg bekannt, die vorher als Serien in Axel Springers Zeitschrift "Kristall" erschienen. Bevor er der enge Berater und Sicherheitschef dieses Verlegers wurde, schrieb Schmidt-Carell in den 50er Jahren auch für die ZEIT und war Serienautor des SPIEGEL. Mit dem Ressortleiter des SPIEGEL für Internationales und ehemaligen SS-Offizier und Six-Adjutanten Horst Mahnke bildete Schmidt in den 50er Jahren ein Team als Serien-Autor und später ab 1960 bei Springers Zeitschrift "Kristall", deren Chefredakteur nun Horst Mahnke wurde. Während ein Schwerpunkt seiner Tätigkeit beim SPIEGEL der Kampf um die Durchsetzung der die Nazis entlastenden These vom Alleintäter van der Lubbe beim Reichstagsbrand bildete, propagierte er in Springers "Kristall" den ehrenhaften, im Prinzip gewinnbaren Krieg der Wehrmacht hauptsächlich gegen die Sowjetunion. Mit Mahnke als Chefredakteur ging nun Paul Carells "Marsch nach Russland" in Serie, zunächst als "Unternehmen Barbarossa", dann als "Verbrannte Erde". Aus diesen Serien wurden 1963 und 1966 Buchbestseller in Axel Springers Ullstein-Verlag mit Millionenauflage und Übersetzungen in ca. ein Dutzend Sprachen. Vorher hatte Schmidt-Carell als politischer Journalist schon am 2. September 1954 in der ZEIT zu den Ursachen beider Weltkriege geschrieben und immer wieder in der WELT, gekrönt am 21. Oktober 1979 in der WELT am SONNTAG in einem langen programmatischen Artikel zur Verteidigungsdoktrin der Bundeswehr im Zusammenhang mit der sog. Nato-Nachrüstung; hier forderte er eine Wandlung in Richtung einer angeblich wünschenswerten präventiven Kriegführung.
Dieser wesentliche Teil des Lebenswerks Paul Karl Schmidt-Carells, die Kriegführung der Wehrmacht zu beschönigen, zu rechtfertigen und für die Nachfolgearmee Bundeswehr zu nutzen, steht im Mittelpunkt des Vortrages, der etliche zentrale Zitate der Militärpropaganda Schmidts wiedergibt, von denen auch einige in diesem Bericht angeführt werden.

Danach führte Wigbert Benz zur Tätigkeit Paul Carells zusammengefasst weiter aus:
Thesen zur deutschen Kriegs(un)schuld 1914/1939 in DIE ZEIT vom 2.9.1954
Die Verbindung der beiden Weltkriegsanfänge 1914 und 1939 im Sinne einer weitgehenden Entschuldung der deutschen Mit- oder Hauptverantwortung am Ausbruch der jeweiligen Weltkriege gelingt Schmidt am 2.9.1954 unter dem Pseudonym P.C. Holm in einem langen "Zeit"-Artikel anlässlich des 15. bzw. 40. Jahrestags zum Kriegsbeginn. Als Ursache der Weltkriege macht er eine Kette von Fehleinschätzungen der Regierungen verschiedener Großmächte wesentlich verantwortlich. Für den Ersten Weltkrieg proklamiert er, in "der historischen Forschung" gelte es "als Wahrheit, dass der Krieg von 1914 von niemand wirklich gewollt wurde. Die Ursachen seines Ausbruchs lagen tiefer als im bösen Willen von Herrschern, Politikern und Diplomaten. Der Krieg war eine Kurzschlusserscheinung." Soweit erinnert die Analyse an die bekannte These, die Großmächte seien mehr oder weniger in den Krieg "hineingeschlittert". Doch dann fährt er fort: "Statt zu fragen: ‚Wer wollte ihn?’, ist es richtiger nachzuforschen: ‚Wer tat nicht alles, um ihn zu verhindern?’ Die Antwort darauf enthüllt in Wien so viele Schuldige wie in Petersburg, in London und Berlin so viele wie in Paris und Belgrad. Dabei steht Berlin in der ‚Schuldliste’ auf keinen Fall an erster, eher an letzter Stelle." Nachdem Deutschland beim Kriegsausbruch 1914 also "eher an letzter Stelle" der "Schuldliste" steht und danach im Versailler Friedensvertrag der Keim für einen weiteren Krieg gesehen wird, benennt Schmidt den Unterschied zum Kriegsausbruch 1939 gleich im ersten Satz seiner Ausführungen zum Zweiten Weltkrieg: "Niemand und nichts kann Hitlers Verantwortung für den Krieg schmälern." Damit ist, entsprechend dem Untertitel des "Zeit"-Artikels, "der Krieg, den Hitler vom Zaun brach", dieser Aspekt der Verantwortung Hitlers für den letzten der beiden Weltkrieg abgehakt und die weiteren Ausführungen des Schmidt-Carell-Holms konzentrieren sich im Wesentlichen auf die Zurückweisung der These von der Alleinschuld Hitler-Deutschlands am Zweiten Weltkrieg sowie das Aufzeigen der weltpolitischen Verwicklungen, die zur Kriegsgefahr 1939 geführt hätten: "Aber falsch ist die Konstruktion von Nürnberg, dass der Kriegsausbruch vor 15 Jahren die Spitze eines logisch und zielsicher aufgebauten Weltkriegs-Planes der deutschen Naziführung unter mehr oder weniger bereitwilliger Teilnahme der militärischen Führung gewesen sei." Tatsächlich sei "Stalin der Hauptschuldige am Ausbruch des letzten Weltkrieges" denn "sein Beitrag zum Krieg, nämlich der deutsch-sowjetische Pakt vom 23. August 1939, war wohl der entscheidendste Faktor. (...) Für ihn war dieser Pakt die richtig kalkulierte Beihilfe zum Ausbruch eines ‚selbstzerfleischenden Krieges der kapitalistischen Welt’. Und so kam es."
Die geschichtspolitische Botschaft Schmidts ist klar: Mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 hat Stalin sein erstes Ziel erreicht, die kapitalistischen Mächte in einen Krieg gegeneinander zu manövrieren. Während die Westmächte eher auf Kriegsvermeidung ausgerichtet waren, schufen die wechselseitig feindseligen Einstellungen zwischen Polen und Deutschland, die – so in Schmidts in einem "Kristall"-Artikel – in erster Linie von Polens fehlender diplomatischer Verhandlungsbereitschaft, militärischer Aggressivität und Selbstüberschätzung ausgingen, die Voraussetzung, Stalins Kalkül zunächst einmal aufgehen zu lassen.

Paul Carells Kernthesen/Manipulationen zum "Unternehmen Barbarossa" 1941
Typisch für das Bild des "Unternehmens Barbarossa", das der Autor seinen Lesern in den verschiedenen Kriegsserien und -büchern nahe bringt, sind folgende Merkmale der Darstellung:

  • Der Krieg war Hitler und der Wehrmacht aufgezwungen. Er wurde präventiv geführt, um Stalins Roter Armee zuvorzukommen.
  • Es handelte sich nicht nur um einen deutschen, sondern einen europäischen Abwehrkampf gegen die bolschewistische Bedrohung, und zwar bis zur Schlacht um Berlin.
  • Weniger Fehler Hitlers, als vielmehr Spionage und vor allem Stalins für die deutsche Abwehr unerkannt gebliebene materielle Überlegenheit wurden zur "Schicksalsfrage des Krieges" und führten zur Niederlage der Wehrmacht.
  • Überhaupt hätte der Russlandfeldzug gewonnen werden können, so Schmidt-Carell schon 1953 in einer "Kristall"-Serie, wenn er – ohne dass ein Umsturz in Jugoslawien dazwischen gekommen wäre - wie geplant schon am 15. Mai hätte begonnen werden können.
  • Zudem greift eine Einschätzung von Carells "Unternehmen Barbarossa" als "Landser-Literatur" zu kurz, da zwar seine Darstellung die Perspektive des "Landsers" mit einbezieht und immer wieder die Generäle als Sympathieträger und Gewinner militärischer Schlachten dem Kriegsverlierer Hitler und dessen Entscheidungen gegenüberstellt, aber gleichzeitig, scheinbar paradox um Verständnis für eben diese Entscheidungen des "Führers" wirbt, z.B. dessen aus wirtschaftlichen Motiven erfolgte Weigerung, sich 1941 zu sehr auf die Einnahme Moskaus zu konzentrieren.
  • Der Bestsellerautor Paul Carell manipuliert sein Lesepublikum durch die Verknüpfung von 1.) inhaltlichen Sachargumenten, deren er sich aus wie aus einem Steinbruch und ohne Beachtung des Kontextes bedient und 2.) propagandistischer Kriegsrechtfertigungen, die 3.) im Stile einer angeblich authentischen Kriegsberichterstattung vorgetragen werden.

Paul Carells "Unternehmen Barbarossa" zitiert auf den ersten Seiten seiner Darstellung ausführlich aus Hitlers Tagesbefehl zum Angriff, in dem die Lüge vom Präventivkrieg, bei dem es angeblich galt, einem drohenden Angriff Stalins zuvorzukommen, aufgetischt wird. Von dieser Rechtfertigung Hitlers, die den Quellen widerspricht, distanziert sich der Autor nicht. Im Gegenteil. In seinem zuletzt verfassten Werk zu Stalingrad 1992, dem er den signifikanten Untertitel "Sieg und Untergang der 6. Armee" gibt, spitzt er zu: "Der deutsche Angriff am 21. Juni 1941 war objektiv ein Präventivschlag." Diese Behauptung hatte auch Schmidts enger Mitarbeiter Rudolf Fischer kurz nach dem deutschen Überfall 1941 in der von Schmidt mit gelenkten millionenfach aufgelegten Auslandsillustrierten "Signal" propagiert.
In den späteren Jahrzehnten erlebten die Kriegsbücher Paul Carells über dessen Tod 1997 hinaus immer neue Ausgaben und Auflagen: "Unternehmen Barbarossa" und "Verbrannte Erde" als Neuausgaben 2002 bei Ullstein, "Die Wüstenfüchse" 2003 und "Sie kommen!" 2004 jeweils im Herbig Verlag. Der prägende Einfluss dieser Darstellungen auf das Kriegsbild von Millionen Menschen mehrerer Generationen wurde in beiden sog. "Wehrmachtsausstellungen", die sich ja explizit mit den Verbrechen der Wehrmacht und deren öffentlicher wie privater Rezeption befassen wollten, mit keinem Wort thematisiert.
Für seinen Verleger Axel Springer wirkte Schmidt-Carell, formal immer als "freier Mitarbeiter" in folgenden Funktionen:

  • politischer Berater;
  • nationaler Redenschreiber;
  • historisch-politischer Autor und Sicherheitschef.

Als politischer Berater suchte er während der Großen Koalition von 1966 bis 1969 zwischen den Ambitionen Axel Springers, der mit dem Amt des Außenministers liebäugelte und den Befürchtungen des damaligen Bundeskanzlers Kurt Georg Kiesinger, der ein solches Ansinnen ob der unberechenbaren Folgen in den Springer-Medien für den Fall der Ablehnung fürchtete, zu vermitteln. Schmidts Vorschlag an seinen ehemaligen Kollegen im Auswärtigen Amt und nunmehrigen Bundeskanzler, Axel Springer "als deutschen Sonderbotschafter nach New York zur UNO zu schicken, für die Einheit werben zu lassen, leuchtete Kiesinger ein, wurde aber im Kabinett von Herbert Wehner torpediert".

Päventivkriegs-PR für die Bundeswehr in WELT am SONNTAG vom 21.10.1979
Mit Vorträgen und Artikeln hat Schmidt seine Position in diese Diskussion eingebracht. Programmatisch für die publizistische Aktivität Schmidts steht sein Artikel "Die Rote Erpressung" im unmittelbaren Vorfeld des Nato-Doppelbeschlusses vom Dezember 1979 zur Stationierung neuer atomarer Mittelstreckenraketen, den er am 21. Oktober 1979 in Axel Springers "Welt am Sonntag" publizierte.
Der ehemalige Gesandte beginnt seine Ausführungen mit dem Hinweis auf ein bestehendes Tabu: "Alte Volksweisheit hat das Wort geprägt: ‚Im Hause des Gehenkten spricht man nicht vom Strick.’ Eine Tabu-Regel! Nach jedem Krieg triumphiert die Parole: ‚Nie wieder.’ Pazifismus bewegt die Herzen. Pazifismus ist ein legitimes Kind der Niederlage."
Schmidt alias Paul Carell diagnostiziert bei der westdeutschen Armee eine überzogene Fixierung auf die reine Defensive. Der Leser der folgenden Zeilen des promovierten Psychologen Dr. Paul K. Schmidt konnte den Eindruck gewinnen, dass die Deutschen Opfer einer Art Verteidigungsneurose wurden. Schmidt schreibt: "Wir haben einen Verteidigungsminister, eine Verteidigungsstrategie. Eine Verteidigungslogistik. Eine Verteidigungsrüstung mit Verteidigungswaffen – und Verteidigungsweltanschauung. Wir kennen keine ‚drohende Kriegsgefahr’, sondern nur Spannungsfall; und im Falle der Kriegsgefahr wird nach erfolgtem Angriff der Verteidigungsfall verkündet. Nach parlamentarischer Mehrheitsfindung."
Der "Welt"-Autor bedauert, dass durch die fehlende Erlaubnis zum Präventivschlag die Initiative dem Gegner, der Roten Armee, überlassen bleibe: "Unsere strategische Defensiv-Doktrin schließt ein Konzept aus, das den Präventivschlag gegen die zum Angriff bereitgestellten feindlichen Verbände vorsieht. Auch Operationen in das Gebiet des Gegners zu tragen, um Raum für die Verteidigung zu gewinnen, ist kein erlaubtes Konzept für die Nato. Der Gegner bestimmt Art, Umfang und Zeitpunkt des Angriffs." (...)
Hier muss das Tabu fallen, das von der politischen Führung aus Überschätzung des Krisenmanagements und aus Misstrauen gegen das Militär errichtet worden ist."
Damit überwindet Paul Karl Schmidt alias Paul Carell das eingangs seines "Welt"-Artikels zitierte Verlierer-Trauma: "Eine Tabu-Regel! Nach jedem Krieg triumphiert die Parole: ‚Nie wieder.’" Er plädiert für die Option, militärische Maßnahmen gegen die Rote Armee zu ergreifen, "auch wenn der letzte Beweis für die gegnerischen Absichten noch nicht besteht". Aus "Nie wieder Krieg!" wird das Recht zum Präventivschlag. Bei dem WELT-Artikel handelt es sich um eine gekürzte Fassung eines Vortrags Schmidts vor der Carl Friedrich von Siemens Stiftung, in der er zusätzlich noch den Einsatz der Neutronenbombe propagiert hatte. Die Bundeswehr sollte von der Präventivkriegsdoktrin der Wehrmacht 1941 lernen und von der Einbindung in eine mit modernsten Atomwaffen ausgestattete Nato profitieren. 1995, zwei Jahre vor seinem Tod, spitzte Schmidt-Carell seine Rechtfertigung des "Unternehmens Barbarossa" am 22. Juni 1941 als Präventivkrieg in einem "Geleitwort" für den revisionistischen Historiker Walter Post zu. Er schreibt: "Die Wehrmacht schlug früher als erwartet, bereits am 22. Juni, mit voller Wucht los, mitten in den sowjetischen Offensivaufmarsch, so dass die Rote Armee in ein Chaos gestürzt wurde." Wenn schon der Angriffskrieg von Hitlers Wehrmacht gerechtfertigt war, dann ist das Recht der demokratisch legitimierten Nato und Bundeswehr, alle Erfolg versprechenden militärischen Optionen wahrzunehmen, noch sehr viel größer - so die geschichtspolitische Botschaft des Kriegspropagandisten und Psychologen Paul Carell.

Im Mittelpunkt der sich an den Vortrag anschließenden, von Professor Dietrich Eichholtz moderierten, sehr lebhaften
Diskussion
standen Fragen zur Nachkriegskarriere Paul Karl Schmidts. Insbesondere ging es um den Einfluss Schmidts auf die Meinungsbildungsprozesse und auf das von ihm unter verschiedenen Pseudonymen in hohen Auflagen verbreitete Geschichtsbild sowie um einflussreiche Positionen im Springer-Konzern.
Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion bildete eine Initiative Schmidts im Zusammenhang mit der Vernichtung der ungarischen Juden im Jahr 1944. Eine Besonderheit des am 16. April 1944 von der deutschen Besatzungsmacht eingeleiteten Holocaust an den ungarischen Juden war, dass auch das Ausland genau über das Ziel der Aktionen, nämlich die Vergasung Hunderdtausender Menschen, unterrichtet war. Schmidt kannte als Pressechef der Reichsregierung die Stimmung im Ausland über die in Ungarn ablaufenden Maßnahmen. Um dieser für das Nazi-Regime verheerenden Stimmung auch im so genannten neutralen Ausland propagandistisch entgegen zu wirken unterbreitete Schmidt im Mai 1944, auf dem Höhepunkt der ersten Vernichtungskampagne, den Vorschlag, in Synagogen und anderen wichtigen jüdischen Orten durch deutsche Agenten Sprengstoff und Waffen ablegen zu lassen. Das "Auffinden" dieser Mittel sollte zu einer Propagandakampagne gegen die ungarischen Juden führen und die Deportationen nach Auschwitz mit Terrorismusvorwürfen rechtfertigen. Schmidts Vorschlag kam offenbar zu spät. Auf ausländischen Druck hin verkündete der ungarische Diktator von deutschen Gnaden, Miklos Horthy, nach Absprache mit den deutschen Besatzern am 9. Juli 1944 die Einstellung der Judendeportationen. Die Umsetzung der Initiative von Schmidt war aus auslandspropagandistischer Sicht nun nicht mehr erforderlich zumal die seit dem 6. Juni 1944 laufende alliierte Invasion in Frankreich alle publizistische Aufmerksamkeit absorbierte. In der Geschichte der faschistischen Judenvernichtung war Schmidts Vorschlag zu Rechtfertigung des Massenmordes jedoch ein bis dahin kaum benutztes Mittel. Im sachkundigen Publikum erregte deshalb die Mitteilung von Wigbert Benz Verwunderung, dass die wichtige Initiative Schmidts selbst in neuen Monografien über die Vernichtung der ungarischen Juden unerwähnt bleibt.
Weitere Schwerpunkte der Diskussion waren Schmidts Verhältnis zu Ribbentrop und seine Stellung in der Hierarchie des Auswärtigen Amtes sowie immer wieder Schmidts Einfluss auf die Meinungsbildung in der Bundesrepublik vor allem zu wehr-und rüstungspolitischen Fragen.
Mit herzlichem Beifall für den interessanten Vortrag und die sachkompetente Reaktion auf die Fragen des Publikums wurde Wigbert Benz verabschiedet.



Martin Seckendorf

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