Deutsche Erdölpolitik 1928-1938. Ein Vortrag von Titus Kockel vor der Berliner Gesellschaft für Faschismus- und Weltkriegsforschung e.V.



Am 9. September 2003 sprach Dr. Titus Kockel aus München über Probleme der deutschen Erdölpolitik 1928-1938. Kockel hat an der TU Berlin Geschichte studiert. Dort verteidigte er 2003 auch erfolgreich seine von Heinz Reif betreute Dissertationsschrift Geologie und deutsche Erdölpolitik 1928-1938. Die frühe Karriere des Erdölgeologen Alfred Theodor Bentz. Die Dissertationsschrift wurde von der TU Berlin ins Internet gestellt, sie soll im Beiheft des Jahrbuches für Wirtschaftsgeschichte gedruckt werden.

In seinem Vortrag stellte Kockel zunächst Interessengruppen vor, die konkurrierend Einfluß auf die deutsche Erdölpolitik nahmen, vor allem die preußischen Staatsgeologen, die preußischen Erdölkonzerne, die auf den Erdölsektor vordringenden Chemiekonzerne und natürlich die verschiedenen Institutionen des Naziregimes.

Die größten Ölkonzerne der Welt, Esso, Shell, Anglo-Irian und weitere schlossen sich 1928 zum Achnacarry-Cartell zusammen, einem Hochpreiskartell mit festgeetzten Anteilen. Deutschland war über seine Betriebsstoffkonvention daran beteiligt. Die Nicht-Mitglieder führten den Preiskrieg gegen das Kartell auf dem Weltmarkt mit Dumpingpreisen.

Zu diesem Zeitpunkt gab es in Deutschland noch keine große Erdölgesellschaft. Um diese Lücke zu nutzen und sich zugleich der übermächtigen Weltkonkurrenz zu erwehren, verbündeten sich die relativ kleinen preußischen Erdölkonzerne, die vor allem in Nordwestdeutschland bohrten, mit dem preußischen geologischen Dienst. Mit Alfred Theodor Bentz plazierten sie im Nazireich ihren wichtigsten Interessenvertreter in Görings Vierjahresplandienststelle als Beauftragten für die Förderung der Erdölgewinnung. Sie konnten in den 30er Jahren die lagerstätten-theoretische Grundsatzdiskussion dominieren und ein gigantisches Programm zur Ölerkundung durchsetzen. Als deutsche Bohrungen 1932 bei Hannover pfündig wurden, brach eine Öleuphorie aus. Mit dem Reichsbohrprogramm vom Februar 1934 und dem Lagerstättenprogramm vom Dezember desselben Jahres sah es zunächst so aus, als würde die systematische Erkundung und Exploitation der Hauptweg zur Ölversorgung werden. Das Reichsbohrprogramm wurde 1938 auf Österreich und später auf andere okkupierte Länder ausgedehnt.

Das Fehlen weltweit agierender Ölkonzerne in Deutschland nutzten auch Chemieriesen wie die IG Farbenindustrie AG, die rheinisch-westfälische Schwerindustrie und die Großbanken, um auf dem Erdölsektor ihre Geschäftsinteressen durchzusetzen, und das waren nicht immer die der Ölförderung. Im Falle der IG Farben dominierte das Interesse an der Substitution des Erdöls durch aus Steinkohle hydriertes Benzin. So saßen in Görings von den Interessen der IG Farben dominierter Vierjahresplanbehörde sowohl die Vertreter der teuren, nur durch staatliche Subventionierung rentablen Kohlehydrierung als auch die in Bentz personifizierte Steuerungsgewalt für "natürliches Erdöl". Der Weg der deutschen Erdölpolitik in die Autarkie, der Sieg der Kohlehydrierung über die Ölerschließung mit dem Argument der Blockadefestigkeit im Kriege war keineswegs von vornherein vorgezeichnet.

Mit diesem Widerspruch nicht genug, bewegte sich die deutsche Ölpolitik nicht nur in der Konkurrenz zwischen der deutschen Ölwirtschaft und den Substitutionsinteressen der IG Farben, sondern gleichzeitig zwischen den Absatzinteressen der Achnacarry-Konzerne, ihren Gegenspielern in Gestalt der mittleren und kleineren amerikanischen und britischen Außenseiter, den überseeischen Ölprojekten der deutschen Schwerindustrie und der Politik der deutschen Regierungsinstanzen. Kein Wunder, daß diese deutsche Erdölpolitik in Abhängigkeit vom jeweiligen Kräfteverhältnis, von Angeboten aller beteiligten Gruppen und von situativen politischen Entscheidungen im Zickzack verlief, schwer zu durchschauen war - auch für die Zuhörer des Kockelschen Vortrages - und ihre abrupten Kursänderungen oft die Frage nach dem manifesten Interesse provozierten.

Auch wenn auf dem Welterdölmarkt keine deutschen Erdölkonzerne agierten, so war die deutsche Entwicklung natürlich vom Konkurrenzkampf auf dem Weltmarkt nicht abgekoppelt und die deutsche Industrie und die deutschen Regierungsstellen nutzten - wenn auch nicht immer und nicht konsequent - den sich verschärfenden Konkurrenzkampf der Oligopolisten des Achnacarry-Kartells mit deren Gegnern auf eigenem Feld. Da Nazideutschland am liebsten Öl kaufen wollte, ohne mit knappen Devisen bezahlen zu müssen, waren derartige Lieferangebote, sei es von Mexiko und den Konkurrenten des Achnavarry-Cartells, sei es von Standard-Oil oder Shell, natürlich willkommen.

Kockel umriß von der Öleuphorie 1932 über den Ölschock 1935 bis zum internationalen Boykott Mexikos durch die Konzerne des Achnavarry-Cartells im Mai 1938, weil Mexiko das Erdöl verstaatlicht hatte, verschiedene Stationen der Ölpolitik der Hitlerregierung. Besonderen Nachdruck legte er auf das Zustandekommen und die Wirkung des deutschen Lagerstättengesetzes vom Dezember 1934, das zu einer Revision der Hannover IHK führte, sich aber vor allem gegen die IG Farben und gegen die internationalen Erdölriesen richtete. Doch die IG Farben verbündeten sich mit der Reichswehr bzw. Wehrmacht, um den stärkeren Ausbau der Kohlehydrierung gegen die Hannoveraner Gruppierung durchzusetzen. Mit dem Treibstoffabkommen von 1934 konnte sie die deutschen Ölkonzerne auf den Sektor der Schmieröle abdrängen. Die eingerichtete Treibstoffkommission wirkte außerhalb des Reichs- und Preußischen Wirtschaftsministeriums, das die deutschen Ölkonzerne unterstützte. Die IG Farben stellten die 1. Kriegsplanung für die Reichswehr auf, deren Wirtschaftsgeneral Thomas unterstützte die IG in der Treibstoffkommission.

Als die Sowjetunion und Rumänien im Herbst 1935 ihre Öllieferungen einstellten, wirkte der Ölschock noch stärker in Richtung der von den IG Farben favorisierten Substitution. Eine neue Wirtschaftgruppe Kraftstoffindustrie wurde gebildet und der Hannover-Gruppe gleichgestellt. Mit dem Flugbenzinvertrag vom Sommer 1936 konnte Krauch seine Hydrierungspläne endgültig durchsetzen.

Selbst als Ende 1937 gute Bohrerfolge erzielt wurden, als 1938 Mexiko günstige Öllieferungen ohne Devisen anbot, als in Konkurrenz dazu sogar Konzerne des Hochpreiskartells wie die Standard Oil oder Shell Deutschland günstige, devisenlose Lieferungen anboten, griffen die Kriegsplaner nicht zu. Im Gegenteil, Krauch unterzog den Vierjahresplan einer abermaligen Revision. Das von der Wehrmacht und der IG Farben stets vorgetragene Hauptargument lautete, daß in einem Krieg überseeische Lieferungen völlig ausfallen würden. Die Marine unterstützte dieses Argument aber nicht. Kockel wertete dieses Argument als untauglich und vorgeschoben, weil natürlich das anvisierte kaukasische Erdöl räumlich auch nicht näher lag. In der Diskussion warnte Dietrich Eichholtz davor, das Blockadeargument zu gering zu bewerten.

In der Debatte wurde nach dem tatsächlichen Anteil von Erdöl und hydriertem Benzin in der deutsche Kriegswirtschaft gefragt. Kockel schätzte, daß die Hydrieranlagen leicht über 50 Prozent des erforderlichen Benzins produziert hätten, vor allem leichtes Flugbenzin. Die Marine dagegen brauchte schweres Heizöl, das nicht zu synthetisieren war, weshalb auch die rüstungswirtschaftlichen Interessen der Wehrmachtteile stark divergierten. Die Marineführung war immer für den verstärkten Ölimport eingetreten und hatte sich vom Blockadeargument davon nicht abhalten lassen. Die Favorisierung der Hydrierwerke nach 1933 war mit dem Argument erfolgt, diese arbeitsintensive Industrie werde viele Arbeitsplätze schaffen und die Arbeitslosigkeit verringern. Doch als sich in den späten 30er Jahren die Substitutionspolitik der IG Farben entscheidend gegenüber den Interessen der Ölkonzerne bzw. der am Ölimport interessierten Gruppen durchsetzte, war dieses Argument politisch bereits gegenstandslos geworden, und im Krieg verstärkte dieser Bedarf den Arbeitskräftemangel.



Werner Röhr

Vorabdruck aus: Bulletin für Faschismus- und Weltkriegsforschung, H.22
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